DUELL

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I N H A L T

 

Vorwort     6 

 

ABSURDITÄTEN

Duell der Komödianten     7

Gelinkt     11

Ein irres Geschäft     13

       Die stationäre Provokation     20

Die Sterbereportage     25 

     

FAMILIARIEN

Auf dem Arbeitsamt     29

Das Indianer-Mädchen     31 

Katzenjammer     35

Die verschollene Mutter     38 

Ich gehe immer noch zur Schule     41 

      

RÄSONANZEN

Die Scheinzeit     44

Muskeln     48

Nacht über Deutschland     55

Stapeln     60

Wessen Gedanken     64

 

SCHREIBEREIEN

Autorenwerbung     67 

Morgens im Café     70

Der Claqueur     73 

Kult-Soap     76

Lieber Leser     81 

 

ZUKUNFTIGES

     Die Ehre des Esoterikers     83

In Erwartung     85 

Die Innenschau hat Zukunft     87

Der Schläfer     93 

Sicherheit ohne Alibi     95

 

Zum Autor     100

 

 Bibliographisches     101 

 

AALFAA  EnterBraynMent

Goldbach 

1. Auflage 1993

2. erweiterte Auflage 2008

Alle Rechte beim Autor

Umschlaggraphik: KaHSch

Printed in Germany

 

www.aalfaa.de

 

 

V O R W O R T

 

                            "Ich bewundere die Perversen,

                             denn sie wissen, was sie wollen."

                               (Robert Gernhardt, Kontaktanzeigen)

 

 

     "Aber es muß mir doch jemand Auskunft geben" - so äußert sich eine Figur - und es sind meist namenlose Figuren - dem wäre auch nachzugehen - ob denn die Figuren mit Namen dadurch mehr an Bedeutung gewonnen hätten - oder ob sie den Leser nicht genauso entkräftet zurückgelassen haben - "Sie verlangen doch hoffentlich nicht von mir, daß ich Sie ernstnehme" - das ist eine Reaktion auf jemanden, der sich wahrgenommen fühlen möchte - die Probleme werden nicht weniger - das Selbstverständnis ist stets therapiebedürftig - nur wer sich zu ernst nimmt, kann ausgelacht werden - wie vieler Trostmomente darf man bedürfen - die Szenerien wiederholen sich unabhängig von ihren Inhalten – "Sind Sie einer, der sich schonen müßte?" - eine schlimme Auskunft wird hier erbeten - damit treibt man Mitmenschen direkt in die Enge und dort pflegen sie regelmäßig zu kollabieren - da könnte man nur noch demonstrantenhaft-rotzfrech skandieren: 'Kollaborieren statt kollabieren!' - aber dann müßte man erst wieder definieren, was ein Feind ist und ob man sich nicht selbst der größte Menschenfeind ist, solange man versucht, der beste aller Menschen zu sein - "Sie waren im Koma. Seien Sie froh" - gibt es denn unterschiedliche Trostqualitäten - oder sollen wir schon dankbar dafür sein, daß sich jemand keine Mühe gibt - der lügt uns wenigstens nicht an - er zeigt uns nur seine ebenso unreflektierte wie unheilbare Verachtung - Konstellationen sind übrigens nicht zu verachten - daraus ergibt sich immer ein Effekt - "Ich verstehe Ihre Besorgnis nicht" - mit dieserart Feststellungen könnte man renommieren gehen - da steckt alles drin, was man nicht zum Leben braucht - dadurch wird man abgehärtet - dadurch wird man überhaupt erst geeignet - Väter, Mütter, Sensationen - sind wir nicht alle Komödianten - wer nach Innen sieht, erlebt womöglich nur seinen Katzenjammer - Leser sind verschollen und Autoren haben kein Alibi - "Interessiere dich einfach nicht mehr für mich" - daß man solch eine Aufforderung heutzutage überhaupt noch artikulieren muß - im täglichen Leben ignorieren wir uns fast schon mit Überzeugung - wir sind nicht interessiert an Nächstenliebe, wir sind geil auf Indiskretion - wir schauen lieber einem mit versteckter Kamera beim Verrecken zu, als ihm auf offener Straße Erste Hilfe zu leisten - wir haben das selektive Prinzip voll verinnerlicht - an uns führt kein Weg vorbei - nur über unser aller Leichen.    

KHS

 

 

DIE STERBEREPORTAGE

                         

"Man muß den Mut zu seinem privaten Irrsinn haben,

                                        seinen Tod zu besitzen und zu vollstrecken."

                                                                       (Carl Einstein, Bebuquin)

 

     Die Segnungen des privatrechtlichen Fernsehens können wir nur in der Weise würdigen und verstehen, daß eben die Grenzen vom Diesseitigen zum Jenseitigen ebenso unver­hohlen wie unauffällig überschritten und damit aufge­hoben werden. Man könnte der Einfachheit halber irdische Besserwisser nachplappern und behaupten, es gebe eben keine Tabus mehr. Es scheint mir vielmehr so zu sein. daß der Mensch sich nicht nur in zunehmendem Maße selbst eta­bliert, sondern auch negiert. In diesem Phänomen bündeln sich philosophisch-wirtschaftliche Interessen-Verflechtungen bis zur Nutzenanalyse metaphysischer Ergriffen­heit.

     Ich kenne ein Land, in dem die Telekommunikation ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht hat: jedenfalls wird hier das letztmögliche menschliche Thema aufgegriffen und mit spektakulärer Unschuld in die Wohnstuben ausgestrahlt. Als vor kurzem bei guten Bekannten ein älteres Familienmitglied zum intensiven Pflegefall erklärt wurde, stand ein Herr vom Fernsehen vor der Haustür, noch ehe sich die Familie traditionsgemäß auf einen potentiell-baldigen Trauerfall einzugewöhnen begonnen hatte. Dieser Herr vom Fernsehen erklärte, daß sich televisionäre Authentizität überhaupt nur noch steigern lasse durch den Verkauf des Todes der Bürger dieses Landes in einer Fernsehserie.

     Meine Bekannten hatten vom geplanten Beginn dieser Fern­sehserie gelesen, sich aber nie sonderlich Gedanken da­rüber gemacht, wie sie in der Praxis funktionieren sollte. Noch ehe sie nun aber Depressivitat vorschütten konnten, erklärte ihnen der flotte Medienvertreter, daß die Produktionskosten ohne Schwierigkeiten hereinkämen - und was spräche mehr für diese Unternehmung. Es muß leichtfertige Unachtsamkeit seitens meiner Bekannten gewesen sein: je­denfalls saß man beisammen im Wohnzimmer und der unnach­giebig lächelnde Herr führte weiter aus, daß das Faszinie­rendste an dieser Serie wohl sei, daß es sich um ungeschnittene Live-Übertragungen handele. Das Fernsehen sei dabei, den Kampf gegen die Langeweile zu gewinnen, denn nichts sei heutzutage so interessant, als anderen Menschen beim Sterben zuzusehen. Dem einzigen schwachen Einwand meines Bekannten, daß es dies doch bei Spielfilmen oft genug gebe, entgegnete der für solche Situationen und Fangfragen natürlich bestens geschulte Herr vom Fernsehen mit bereits erkennbarer Routine: die Angelegenheit werde nun quasi postnaturalistisch angepackt. Die Realität übertreffe sozusagen die abstrakte Wahrheit. Industrie, Medienvertreter und Kunst­kritiker seien sich einig: die Sterbereportage in Serie sei nun endlich das Gesamtkunstwerk schlechthin, um das man seit Jahrhunderten gerungen habe. Hier würden alle Ansprüche ideeller wie pragmatischer Art erfüllt. Auch Politik und Kirche seien aufgeschlossen.

     Ich kenne ja meine Bekannten und war nicht überrascht, daß es am selbigen Abend noch zu einem Vertragsabschluß kam. Man vereinbarte einen heißen Draht, damit zur wahrschein­lich entscheidenden Zeit ein Kamerateam am Ort des letzten Geschehens sein könne.

     Nun zog sich die Krankheit der älteren Verwandten meiner Bekannten um einiges hin, so daß wir alle Zeit hatten, uns zunächst quasi theoretisch und als eigentlich Unbeteiligte in die mittlerweilen ge­startete Serie einzugewöhnen. Ich muß nämlich endgültig zugeben, daß ich dieses Land mit seiner letztmöglichen telekommunikativen Pioniertat nicht nur kenne, sondern in ihm lebe. Und ich vermute, wir alle leben schon dort. Immerhin hatte ich ein makabres Interesse entwickelt und besuchte meine Bekannten nun öfter, wir verfolgten auch gemeinsam die Serie. Die Okkupation der besten Sendezeit war offensichtlich überhaupt kein Problem gewesen. Nach­dem Staat und Wirtschaft ohnehin am Sterben schon verdient hatten, war es nur logisch und konsequent, hieraus strategisch eine allumfassende Wachstumsbranche zu entwickeln.

     Ein gewiefter Moderator führte durch die Sendung, in der es weder an Unterhaltung noch an Gewinnchancen mangelte. Information, Show und Werbung waren eine unauflösbare Symbiose eingegangen. Pietät, Gruseleffekte und sogar Ero­tik rundeten das Konzept dieser konkurrenzlosen Familienserie ab. Bei Live-Schaltungen zu Requiem und Obduktion ergaben sich sehr spezifisch-voyeuristische Momente. Das ganz Besondere aber war die Dramaturgie des open-end: die berechenbare Eskalation zum wievielfachen sudden-death, Die Kameras standen ja in mindestens zehn Sterbezimmern, weder die Experten noch die Sterbenden selbst wußten ja zuverlässig, wann es zum entscheidenden Moment des Exitus kommen würde, der möglichst live - und nur im Ausnahmefall als Aufzeichnung (was vertragsgemäß finan­zielle Regreßansprüche der Angehörigen zur Folge haben mußte) - übermittelt werden sollte. Der spezielle Nerven­kitzel des zeitgleichen Miterlebens läßt sich eben durch nichts ersetzen.

     Es war eigentlich fast zufällig, daß ich nun bei meinen Bekannten saß, als die ältere Angehörige mit neun anderen über das Land verteilt auf Sendung genommen wurde. Wir saßen beieinander, eher betreten als etwa trauernd - und die Frau meines Bekannten stellte sogar ein Schälchen mit gesalzenen Erdnüssen zu der Flasche Wein, die mein Be­kannter wenige Minuten vorher geholt hatte. Dann kauerten wir allerdings äußerst verkrampft vor dem Bildschirm und waren uns unserer Regungen eigentlich nie sicher.

"Vielleicht hätten wir doch hinfahren sollen, um ihr beizustehn. Was wird sie von uns denken."

"Nein, nicht doch. Als wir das letzte Mal bei ihr waren, hat sie uns doch gar nicht mehr richtig wahrgenommen. Wahrscheinlich würden wir den Ärzten und Kameraleuten nur im Weg stehen."

 

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