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"Mit
Prosa läßt sich freilich vieles sagen. Mit Prosa läßt sich aber noch
viel mehr verschweigen. Einen Mann wie Kuprian durch die folgenden
Episoden zu verfolgen, verlangt die Bereitschaft, sich einem Menschen
auszuliefern. Man kennt ihn, weil man ihn nicht kennt. Man kennt ihn
nicht, weil man ihn kennt. (...) Diese Prosa vertraut auf den Leser, denn
sie opfert Kuprian nicht. Er bewegt sich am Rande seiner Zuversicht, ohne
ein Risiko zu akzeptieren. Vielleicht ist Kuprian auch nur eine
Reinkarnation des Sisyphos, der sich etwas Abwechslung verschafft."
(vgl. Vorwort)
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DAS TIEFKÜHLPUZZLE
" . . . und da sah ich schon, daß dieser Raum
angefüllt war
mit Mengen von gleichartigen beweglichen Stücken,
großen Füßen, Händen, Rümpfen oder Hälsen
. . . "
(Peter Weiss, Das Gespräch der drei
Gehenden)
Wenn
einer Junggeselle ist, geht er schon öfters an die Tiefkühlangebote im
Supermarkt. Kuprian brauchte nur um die Ecke, da hatte er, was er wollte.
Er stand mit allem gewöhnlichen Trotz in der Mitte seines Lebens - übrigens
ohne diese angeblich dazugehörige Krise aufzubauschen - er kam mit sich
selbst eigentlich ganz ordentlich zurecht. Alles Neurotische war ihm
einfach zu banal und er war sich nicht zu schade dazu, unauffällig durch
dieses Leben zu gelangen. Was mit ihm konkret zu tun hatte, blieb
überschaubar.
Sowohl was die alltäglichen Dinge betraf - etwa pünktliches Aufstehen,
ein sauberes Hemd anziehen, eine warme Mahlzeit pro Tag - als auch auf der
gedankenverarbeitenden Ebene. Was man auch als die privatphilosophischen
Begleitakkorde bezeichnen könnte.
Von einem bestimmten Tag an schien Kuprian allerdings in etwas
hineinzugeraten, was ihn ganz allmählich aus seinen üblichen
Lebensbahnen zu drängen drohte. Und das alles begann an der Tiefkühltruhe
seines Supermarktes. Kuprian wählte hier immer besonders sorgfältig
seine Fleischportionen aus. Achtete auf Tierart. Körperpartie und
Haltbarkeitsdatum. So legte er sich zuhause einen kurzfristigen Vorrat an,
der ihn nie in Panik geraten lassen sollte, wenn es um das Entwerfen eines
verhältnismäßig abwechslungsreichen Speiseplans ging.
An diesem einen bereits vorerwähnten Tag nun fiel Kuprian ein
etwas ungewöhnlicher Fleischpack auf, der nicht näher bezeichnet war,
lediglich gewogen und ausgepreist. Statt sich nun über diese Nachlässigkeit
beim Filialleiter zu beschweren, nahm Kuprian das Stück mit und wurde von
nun an zum Sammler - ja er wurde süchtig, täglich in diesem Supermarkt
an diese Tiefkühltruhe zu gelangen, damit ihm kein Teil entgehe.
Bereits nach wenigen Tagen war er sich seiner Sache sicher: er war
hier auf ein intimes Geheimnis gestoßen. Und er wollte es für sich
auskosten bis zur letzten Möglichkeit. Noch wußte er nicht, ob ihm
diese Angelegenheit überhaupt appetitlich vorkommen wollte.
Eifersüchtig über sich und dieses Geheimnis wachend und in immer
routinierter inszenierter Unauffälligkeit war Kuprian nun zugange. Weit
davon entfernt, mit irgend jemandem auch nur in Andeutungen darüber zu
sprechen, holte er sich aus einem immer unwiderstehlicheren Zwang heraus täglich
sein abgepacktes Stück aus der Tiefkühltruhe. Kuprian war schon immer
bei Ladenöffnung da und stürmte als erster zur frisch nachgefüllten
Truhe. Dort erwühlte er sich immer wieder erfolgreich die entsprechende
Packung, welche er mit recht unbeteiligter Miene durch die Kasse
schleuste, jeweils mit anderen Tarnprodukten kombiniert. Immer
intensiver hatte Kuprian das bestimmte Gefühl, es sei hier etwas für ihn
persönlich
arrangiert worden. Ohne direkte Beteiligung ansprechbarer
Bezugspersonen. Und er dürfe nicht nachgeben in seiner Regelmäßigkeit,
er müsse zuverlässig jeden Tag seine Portion nachhause holen.
Dort verwahrte Kuprian alles sorgfältig in seinem Gefrierschrank.
Holte die Teile nur immer kurz heraus, wenn er die Ergänzung hatte, und
legte alles aus. Dabei geriet er immer heftiger in ein makabres Fieber.
Die Deutlichkeit seiner Erkenntnis wurde immer unausweichlicher. Hier war
Ungeheuerliches geschehen! Und er vollzog dies mit!
Eigenartigerweise waren Kuprian nie irgendwelche moralische
Bedenken oder gutbürgerliche Verhaltenskonsequenzen in den Sinn gekommen.
Er war in seiner Sammeleuphorie unrevidierbar besessen geworden. Konnte an
einem Tag jeweils kaum mehr den nächsten Tag erwarten. Hatte sich noch längst
keine weiterführenden Gedanken darüber gemacht, was er tun würde, wenn
seine Portionssammlung komplett war. Wenn er diesen sorgfältig Stück um
Stück zerlegten und portionsweise tiefgefrorenen menschlichen Körper
auf seinem Küchenboden würde zusammensetzen können.
Wir wissen darüber nur noch soviel: der Kopf kam nie in die Tiefkühltruhe.
Aus tiefgründender Enttäuschung wurde Kuprian daraufhin Vegetarier.
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