HIGAkuprian

AALFAAzurück

 

 

 

Karl-Heinz Schreiber

KUPRIAN

Geschichten aus der vorgetäuschten Alltäglichkeit

 

Goldbach 1994

44 S., € 3.-

 

     "Mit Prosa läßt sich freilich vieles sagen. Mit Prosa läßt sich aber noch viel mehr verschweigen. Einen Mann wie Kuprian durch die folgenden Episoden zu verfolgen, verlangt die Bereitschaft, sich einem Menschen auszuliefern. Man kennt ihn, weil man ihn nicht kennt. Man kennt ihn nicht, weil man ihn kennt. (...) Diese Prosa vertraut auf den Leser, denn sie opfert Kuprian nicht. Er bewegt sich am Rande seiner Zuversicht, ohne ein Risiko zu akzeptieren. Vielleicht ist Kuprian auch nur eine Reinkarnation des Sisyphos, der sich etwas Abwechslung verschafft."  (vgl. Vorwort)

 

DAS TIEFKÜHLPUZZLE

  " . . . und da sah ich schon, daß dieser Raum angefüllt war mit Mengen von gleichartigen beweglichen Stücken, großen Füßen, Händen, Rümpfen oder Hälsen . . . "

(Peter Weiss, Das Gespräch der drei Gehenden)

 

Wenn einer Junggeselle ist, geht er schon öfters an die Tiefkühlangebote im Supermarkt. Kuprian brauchte nur um die Ecke, da hatte er, was er wollte. Er stand mit allem gewöhnlichen Trotz in der Mitte seines Lebens - übrigens ohne diese angeblich dazugehörige Krise aufzubauschen - er kam mit sich selbst eigentlich ganz ordentlich zurecht. Alles Neurotische war ihm einfach zu banal und er war sich nicht zu schade dazu, unauffällig durch dieses Leben zu gelangen. Was mit ihm konkret zu tun hatte, blieb überschaubar. Sowohl was die alltäglichen Dinge betraf - etwa pünktliches Aufstehen, ein sauberes Hemd anziehen, eine warme Mahlzeit pro Tag - als auch auf der gedankenverarbeitenden Ebene. Was man auch als die privatphilosophischen Begleitakkorde bezeichnen könnte.

Von einem bestimmten Tag an schien Kuprian allerdings in etwas hineinzugeraten, was ihn ganz allmählich aus seinen üblichen Lebensbahnen zu drängen drohte. Und das alles begann an der Tiefkühltruhe seines Supermarktes. Kuprian wählte hier immer besonders sorgfältig seine Fleischportionen aus. Achtete auf Tierart. Körperpartie und Haltbarkeitsdatum. So legte er sich zuhause einen kurzfristigen Vorrat an, der ihn nie in Panik geraten lassen sollte, wenn es um das Entwerfen eines verhältnismäßig abwechslungsreichen Speiseplans ging.

An diesem einen bereits vorerwähnten Tag nun fiel Kuprian ein etwas ungewöhnlicher Fleischpack auf, der nicht näher bezeichnet war, lediglich gewogen und ausgepreist. Statt sich nun über diese Nachlässigkeit beim Filialleiter zu beschweren, nahm Kuprian das Stück mit und wurde von nun an zum Sammler - ja er wurde süchtig, täglich in diesem Supermarkt an diese Tiefkühltruhe zu gelangen, damit ihm kein Teil entgehe.

Bereits nach wenigen Tagen war er sich seiner Sache sicher: er war hier auf ein intimes Geheimnis gestoßen. Und er wollte es für sich auskosten bis zur letzten Möglichkeit. Noch wußte er nicht, ob ihm diese Angelegenheit überhaupt appetitlich vorkommen wollte.

Eifersüchtig über sich und dieses Geheimnis wachend und in immer routinierter inszenierter Unauffälligkeit war Kuprian nun zugange. Weit davon entfernt, mit irgend jemandem auch nur in Andeutungen darüber zu sprechen, holte er sich aus einem immer unwiderstehlicheren Zwang heraus täglich sein abgepacktes Stück aus der Tiefkühltruhe. Kuprian war schon immer bei Ladenöffnung da und stürmte als erster zur frisch nachgefüllten Truhe. Dort erwühlte er sich immer wieder erfolgreich die entsprechende Packung, welche er mit recht unbeteiligter Miene durch die Kasse schleuste, jeweils mit anderen Tarnprodukten kombiniert. Immer intensiver hatte Kuprian das bestimmte Gefühl, es sei hier etwas für ihn persönlich

arrangiert worden. Ohne direkte Beteiligung ansprechbarer Bezugspersonen. Und er dürfe nicht nachgeben in seiner Regelmäßigkeit, er müsse zuverlässig jeden Tag seine Portion nachhause holen.

Dort verwahrte Kuprian alles sorgfältig in seinem Gefrierschrank. Holte die Teile nur immer kurz heraus, wenn er die Ergänzung hatte, und legte alles aus. Dabei geriet er immer heftiger in ein makabres Fieber. Die Deutlichkeit seiner Erkenntnis wurde immer unausweichlicher. Hier war Ungeheuerliches geschehen! Und er vollzog dies mit!

Eigenartigerweise waren Kuprian nie irgendwelche mora­lische Bedenken oder gutbürgerliche Verhaltenskonsequenzen in den Sinn gekommen. Er war in seiner Sammeleuphorie unrevidierbar besessen geworden. Konnte an einem Tag jeweils kaum mehr den nächsten Tag erwarten. Hatte sich noch längst keine weiterführenden Gedanken darüber gemacht, was er tun würde, wenn seine Portionssammlung komplett war. Wenn er diesen sorgfältig Stück um Stück zerlegten und portions­weise tiefgefrorenen menschlichen Körper auf seinem Küchen­boden würde zusammensetzen können.

Wir wissen darüber nur noch soviel: der Kopf kam nie in die Tiefkühltruhe. Aus tiefgründender Enttäuschung wurde Kuprian daraufhin Vegetarier.