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Karl-Heinz Schreiber

ALYCE oder Das zaghaft Unheimliche

Dylyrysche Prossa

 

(Wiesenburg Verlag, Schweinfurt 2000)

184 S., € 11,30

 

Geübt wird hier das assoziative Lesen. Dabei sind auch die Gattungsgrenzen zwischen Lyrik und Prosa einerseits und Prosa und Essay andererseits fließend. Ebenso gibt es keine Hemmschwelle zwischen Poesie und Philosophie bzw. zwischen Ästhetik und Alltäglichkeit. Und so ereignen sich in diesen dialogistischen Prosaminiaturen äußerliche und innerliche Situationen und Risiken. Als Protagonist gibt es eine Person oder einen Intellekt oder auch nur ein Medium. Und die Inhalte sind inszenierte Reflexionen oder optimistische Absurditäten. Das Thema ist die Methode & der Autor ist das Thema & die Methode ist der Autor."   (Vorwort)  

 

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Karl-Heinz  Schreiber

ALYCE  oder  Das Zaghaft Unheimliche

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     Eine kleine Einlesehilfe, quasi eine Abkürzung für Leser, die versuchen möchten, Assoziationen zu systematisieren: also eine Art dienstliche Leser wie Rezensenten & Interpreten. Der rein private Leser sollte das Labyrinth ohne roten Faden betreten - womöglich entdeckt er dabei Nebengänge, von denen der Autor kaum eine Ahnung hatte. Überhaupt wird man feststellen, daß Kriterien helfen, obwohl sie nicht stimmen.

 

 

Die meisten Texte bieten Skurriles (Banales & Geniales):

 

DER  BLINDE  MALER

   Ein scheinbar anrührendes Phänomen: ein blinder Maler kreiert geniale Bilder, welche Sammler & Kritiker gleichermaßen faszinieren! Hat er damit eine neue Ästhetik geschaffen? Jedenfalls gelingt es niemandem, hinter sein Geheimnis zu kommen. Der Maler aber arbeitet kontinuierlich & diszipliniert weiter, so als ob er nur der Warteschlange seiner Käufer & der Kunstgeschichte verpflichtet wäre - wem auch sonst?!

 

DIE  ENTDECKUNG  AMERIKAS

   Das sind die Stoffe, die in den Geschichtsbüchern fehlen, weil man sie nicht für möglich hält. Wie würde es denn zugehen, wenn heute jemand Amerika entdeckt hätte & damit live ins Fernsehen will?! Wer begreift denn schon die Dimensionalität dieser Entdeckung?! Der Text ist womöglich ein Reflex auf die Ungleichzeitigkeit der Relevanzen & die Hybris der medial verseuchten Moderne.

 

EIN  POSTBOTE  ZEUGT  MIT  EINEM  HUND  EINEN  POSTBOTEN

   Wäre es denn in irgend einer Weise problematisch, wenn ein harmoniebedürftiger Postbote tatsächlich versuchen wollte, mit einem konzilianten Hund einen realitätstauglicheren Postboten zu zeugen?! Und wäre dann die Berufsausübung für diesen Postboten mit Hundeanteilen nachweislich leichter?! Unkonventionelle Problemlösungsversuche bedürfen zumindest relevanter Aufmerksamkeit.

 

ELOGE  AN  DEN  MÜLL

   Eines muß man sich einmal unbarmherzig klar machen: ohne Müll gäbe es kein menschenwürdiges Leben! Der Mensch ist nur Mensch, indem er Müll produziert! Müll ist die Connection des Individuums zur Gesellschaft & die Verbindung des Menschen zur Ewigkeit! Wenn wir nichts wegwerfen würden, könnten wir nichts Neues entwickeln! So lautet jedenfalls die Botschaft des materiellen Denkens.

 

KÄLTE

   Das Leben verläuft zweifelsohne im Zweierrhythmus der Kopfbedeckungen: Hut & Mütze wechseln ab in ihren Funktionen uns zu schützen. Das mußte man sich nur endlich einmal bewußt machen! Wir Menschen haben das gesellschaftlich organisiert. Kälte oder Hitze sind nur noch Anlässe, aber keine Plagen oder Freuden mehr! Hängt denn das Niveau der Existenz von den Temperaturen ab?!

 

ÜBER  DIE  KUNST  DES  ANLEHNENS  VON  LEITERN

   Leitern sind für uns im Leben recht nützliche Helfer, sowohl in pragmatischer als auch in symbolischer Hinsicht. In einem kleinen Land sind die Männer ununterbrochen am Erfinden. Und was sie für das Anlehnen von Leitern herausgefunden haben beweist, daß Genialität bedeutet, ein kaum merkliches Problem unauffällig zu lösen, so daß aber die Lösung schließlich auffälliger werde, als das Problem es je war.

 

UNREALISTISCHE BESCHWERDE

   Mit welch unvermeidlicher Konsequenz  die Unzufriedenheit der Zwerge in eine Regierungskrise führen kann, ist schon erstaunlich. In der modernen Gesellschaft kümmert sich im alltäglichen Leben niemand sonderlich um die Zwerge, aber man nutzt jegliche gebotene Chance zur Entrüstung. Die Zwerge erlangen zu keiner Zeit den Status einer Relevanz, sie werden lediglich intstrumentalisiert.

 

ZUR  WAND  GEDREHT

   Der Mensch ist in der Zwickmühle, daß er sich entweder ausliefert oder sich in ein Refugium zurückzieht. Es kann durchaus sein, daß einer statt mit einem Gegenüber zu argumentieren, sich lieber seiner Wand und dem Tapetenmuster zuwendet. Was dabei herauskommt, ist eine äußerst diffizile Philosophie über die eklatanten Unterschiede zwischen Wänden & Mauern.

 

 

Fast ebenso viele Texte beschäftigen sich mit dem Wesen der Existenz:

 

DER  WANDLER

   Ein Mensch ist unterwegs in der Öffentlichkeit & fragt sich, ob er nicht die Alternative zur momentanen Welt sein könne. Und er versucht herauszufinden, wie individuell oder populistisch, wie real oder traumhaft er eigentlich sei. Und er fragt sich penetrant, für wen er denn ständig in Bewegung sei & weswegen er sich in eine gar nicht vorhandene Ordnung einordnen solle. Eine sehr praxisorientierte Gewissenserforschung.

 

GUT  GEHT

   Wir leben lediglich als Definition & durch Definitionen. Das müssen wir uns eingestehen. Uns kann es nur dann gut gehen, wenn es den Menschen gut geht. Wir können nur gutgehende Menschen sein, wenn es außer uns keine schlimmeren Probleme mehr gibt. Aber das setzt einen Quantensprung im Bewußtsein & eine Privilegierung unserer unspektakulären Existenzform voraus!

 

IDEEN

   Die Spekulationen um das Leben & seine Praxis erwachsen sozusagen naturgemäß aus Ideen. Es geht dabei allerdings überhaupt nicht um Lösungen, es geht lediglich & immerhin darum lebendig zu sein! Und schließlich gewinnt man mit etwas Geduld sogar aus einer vorübergehenden Flucht eine dauerhafte Überzeugung. Oder sind die Ideen nur die pervertierte Vorfreude auf eine ernüchternde Praxis?

 

MENSCHEN  BRAUCHEN  WIR

   Die Menschen werden stark oder schwach; sie suggerieren sich gegenseitig ihre Existenzform. Dabei manifestiert sich in allen Szenarien über das menschliche Zusammenleben der Wunsch, nicht mehr gegeneinander polemisieren zu müssen. Man kann mit dem Leben spekulativ oder administrativ verfahren. Die Frage bleibt immer, ob man sich selbst oder andere dringlicher braucht.

 

ÜBER  DIE  SINNLICHKEIT  DES  SINNS

   Der Mensch ist ein aggregatabhängiges Wesen. Daher benötigt er hin & wieder den Selbstbetrug, um nicht dem Fatalismus anheim zu fallen. Aber wie läßt sich eigentlich mit dem Sinn des Lebens professionell umgehen? Kann der Sinn überhaupt sinnlich erfahrbar gemacht werden & ist es womöglich ab einem gewissen Punkt sogar eine Lust, einen Sinn zu suchen & zu praktizieren?

 

UNSERE  BEFINDLICHKEIT

   Ob ein Mensch so werden könne, wie es anderen gefällt ohne eigenes Zutun? Aber wie seriös können Motive gegenseitiger Erwartung sein? Menschen können auch aufeinander fixiert sein, ohne sich bewußt weh zu tun. Womöglich kann man auch annehmen, daß ein Mensch des anderen Vison ist. Diese Konstellation würde zumindest einer gemeinsamen Befindlichkeit sehr wohl tun.

 

 

Dann geht es um Geltungsbedürfnis, Wahrnehmungsflucht & Kommunikationsstreß:

 

AKTUALITÄT

   Da kommt einer in ein Geschäft kurz vor Ladenschluß & verlangt, daß der Besitzer & die Kunden sich länger mit ihm beschäftigen. Das Geschäft muß offen bleiben, damit sich jemand mit diesem Menschen abgibt. Er möchte hartnäckig aktuell sein für seine Umgebung. Ist das eine neue Dimension eines libidinös motivierten Amoklaufs?! Die Bedrohlichkeit nach innen & nach außen ist eine komplementäre Kategorie.

 

DAS  GRÖSSTE  ARSCHLOCH

   Eigentlich eine harmlose Ungeheuerlichkeit, die sich hier abspielt: zwei Männer in einem Straßencafé möchten beide das größte Arschloch sein - wogegen man sich normalerweise verwehrt! Um herauszufinden, wer es wirk-lich ist, wollen sie nach einem schwer in Gang gekommenen Disput die Leute in der Fußgängerzone befragen. Wer den Autor kennt weiß, daß dies nur eine fürchterliche Parodie um drei Ecken sein kann.

 

DER  BESUCHER

   Jemand muß allzu vielen Einladungen nachkommen, wobei man eigentlich gar nicht so richtig plausibel erfährt, weswegen er so beliebt ist. Er erledigt aus purer Notwehr seine Termine, indem er den putativen Gastgebern erklärt, er sei nur gekommen, um ihnen klar zu machen, daß er noch weitere Besuche am selben Abend zu absovieren habe - was eigentlich den jeweils aktuellen Gastgeber vergrämen müßte!

 

KITSCH  PASSIERT

   Wie gewinnt man ein unverkrampftes Verhältnis zum Niveau? Es gibt tatsächlich zur Genüge Menschen, die sind dem unverhofften Faszinosum der knallharten Kategorien erlegen. Sie definieren die Welt als Relevanz oder Kitsch. Und wenn einer rigoros ist, dann will es mit seinen Argumenten rechthaben. Da bleibt nur noch eine symbolische Integrität als Schutz vor den unauffälligen Obsessionen & Obstruktionen.

 

TRAKTAT VOM  IDIOTEN

   Wer ist eigentlich in dieser heutigen Gesellschaft ein Idiot - oder wer ist keiner?! Derjenige der funktioniert oder derjenige, der sich eben emotional vereinnahmen ließ. Derjenige der sich verweigert oder derjenige, der eigentlich zu dumm zu beidem ist? Idioten sind zweifelsohne eine mehrheitsfähige Spezies & man kann auch eine Zeitlang mit Überzeugung naiv sein.

 

VERSAMMLUNGSERGEBNISSE

   Die Menschen mußten sich daran gewöhnen, Versammlungen als etwas Unverzichtbares zu empfinden. Der einzelne müßte wohl zugrunde gehen, ohne die Orientierung im effektiven Kollektiv. Aber sind wir nicht nur Epigonen, selbst wenn wir uns subjektiv empfinden? Wichtig ist jedenfalls die Einigung auf den nächsten Versammlungstermin, damit eine existentielle Kontinuität gewahrt bleibe.

 

 

Schließlich folgen Texte zu Erzählmanie & Relevanz:

 

DAS  ZAGHAFT  UNHEIMLICHE

   Ein Autor möchte die Art seines Erzählens nicht der vordergründigen Wahrheit opfern. Er setzt sich quasi zur Wehr gegen einen allzu authentisch reduzierten Stoff & gegen die allmächtige Rezeption. Reflektiert wird die Konstellation, ob Erzähler & Leser aufeinander angewiesen seien oder eher aufeinander verzichten könnten. Die Problematik scheint unheimlich, daher wird sie auch vorläufig nur zaghaft angegangen.

 

MARGINALE  ZENTREN

   Wofür interessieren sich denn überhaupt die Leute? Da kämpfen Paradigmen an gegen Krisengemurmel. Und im Zentrum unserer Varianten stehen wir bis zur Ignoranz. Man begreift zumindest seine Unerheblichkeit & artikuliert sich anspruchsvoll unaufdringlich. Aber manchmal ist es auch nur die Stunde derer, die noch nirgendwo hinausgeflogen sind. Ein günstiger Anfang für die Poesie!

 

TASTENDER  TEXT

   Worte können unser Leben verkomplizieren. Ein Erzähler muß wissen, daß es auch ein Leben außerhalb des Textes gibt - aber darf er es auch verraten? Der Autor observiert & wird unglaubwürdig. Wie können sich Erzähler & Autor einig werden? Die Neugier ist ausgesandt, sie wird frühsommerlich konditioniert. Aber eigentlich ist allen klar, daß ein neuer Erzählertypus vorgestellt werden muß.

 

 

Es gibt auch Texte über Bedrohlichkeiten:

 

GEFÄHRLICH

   Man muß sich einmal so eine Frage stellen: auf welche Weise könnte denn ein Leben originell werden? War nicht die unausrottbare Hoffnung auf Einmaligkeit das eigentlich Gefährliche im Leben? Oder ist der bisher existente Mensch doch seine eigene unberechenbare Dokumentation? Jeder Versuch sich einer Gefahr auszusetzen muß im Leben enden. Und wie das Leben endet weiß man.

 

HINDERNISSE

   Gibt es eine philosophische Lösung, wenn man in einem dunklen Häusereck überfallen wird?! Da kommt man als konkretes Opfer schon auf eklatante Wunschphantasien. Wie befreit man sich effektiv aus hautnaher Bedrohung? Sind Ruhe oder Mobilität dem Menschen mehr hinderlich?! Vielleicht liegt in der Unsichtbarkeit die Chance zur befreienden Aktion & zur wahren fundierten Kommunikation?!

 

IM  INNERN  DER  ANGST

   Alyce muß grundsätzlich lernen, ihre Angst zu überwinden. Die anrührende Frage bleibt: kann sie das denn eigentlich schaffen? Sie wird also ins Labyrinth geschickt. Und sie gelangt tatsächlich bis ins Zentrum. Dort allerdings ereignet sich quasi Ultimatives. Eigentlich war das nur ein fieses Spiel oder doch der Verlust der existentiellen Orientierung seitens aller Beteiligten? Ist Angst relativ oder absolut?

 

 

Übrig bleiben noch Texte über Quasi-Erotisches & Frivolinisches:

 

DIE  SCHÖNSTE  TODESART

   Eigentlich Stoff für eine Novelle: in einem ganz speziellen Freudenhaus an einem nicht weiter bekannten Ort finden alle libidinös verzweifelten Männer ihre ganz besondere Form der Erlösung! Das hier praktizierte finale Lustspiel ereignet sich quasi unaufhaltsam zwischen Diskretion & Dienstleistung. Und man muß nur begreifen lernen, daß man hier mit borniert-juristischen Kriterien nicht weit kommt.

 

ICH  WAR  EINE  KNÄBIN

   Auch ein Novellenstoff: plötzlich war er nicht mehr unproblematisch eindeutig. Eine Mutation war dabei stattzufinden (progressive Form). War dies automatisch etwas Negatives? Wieso sollte denn die Identität abhängig sein vom Körper? Die existentielle Sekurität war womöglich in Gefahr! Je verworrener sich die Experten äußern, umso heftiger gewinnt die Hauptfigur ihr Selbstverständnis - denn die Gefahr besteht heutzutage darin, daß wir alles akzeptieren, nur nicht uns selbst!

 

 

 

 

DIE  SCHÖNSTE  TODESART

die schönste todesart braucht nicht mehr erfunden zu werden denn sie wird bereits zum glück für alle die es wünschen erfolgreich praktiziert und man kann sie tatsächlich regelrecht professionell und diskret buchen offiziell ist nichts bekannt und es gibt sozusagen keine zeugen keiner der beteiligten würde auch nur irgend etwas dagegen unternehmen wenn er dazu überhaupt in der lage wäre man verwendet sogar ganz andere begrifflichkeiten dafür niemand spricht vom tod es handelt sich vielmehr um die momentan von männern meistgesuchte form der erlösung das ist die konsequente mutation der kultur in die pragmatik lust und nutzen vereinigen sich im heiligen schein der freudenhauslaterne die männer stehen begierig schlange zumindest eine bestimmte sorte von männern und diese sorte von männern scheint es in jedem jahrhundert zu geben so also entsteht letztendlich geschichte die männliche psyche weist mehr konstanten als variablen auf  und die kommunikation zwischen den geschlechtern generiert sich offensichtlich aus regressiven tendenzen es muß wohl eine erbärmliche menge verzweifelter männer existieren die in ihrem restlichen wahrscheinlichen leben keinerlei befriedigung mehr zu erwarten wagt und dann aber wenigstens im höchsten glücksgefühl aus diesem leben scheiden will man muß diese männer verstehen die sogenannte lebendigkeit des seins hat für sie keinerlei bewandtnis mehr männer sind eben von natur aus auf körperliche funktionen fixiert daran ändern letztendlich auch intellektuelle oder spirituelle aberrationen nichts den männern ist eigentlich nicht zu helfen es kommen hier alle möglichen kategorien von erhoffter menschenwürde bis zu masochistischer hörigkeit in die diskussion in die behandlung aber der empirisch existentielle teufelskreis aus verführung demütigung und entsagung zerstört eben mehr männliche psychen als es den naiven statistikern recht sein mag normale männer sind auch ungeheuerlich angestrengte kompensatoren und sie zählen gramgebeugt in ihrem terminkalender die demütigernden perioden zwischen den sporadischen ersatzbefriedigungen die vorgänge hier an besagtem ort bewegen sich sukzessive es steckt eine existentielle konsequenz dahinter und es ist immerhin ein abschied mit bravour und überzeugung ein abschied mit hoher erotischer qualität so läßt sich der exitus als triumph inszenieren das ist die rache der ekstase an der entsagung das ist der ausbruch aus dem kerker der askese in die vision der überlust man hat dabei die auswahl an libidinösem beiwerk und man darf versichert   sein  daß  wirklich alles  beschwerdefrei verläuft bisher konnten zumindest noch keine überzeugenden regressansprüche formuliert werden die schönste todesart funktionierte mit einer seltsamen routine die betroffenen waren bis zu ihrer letzten sekunde begeistert die erfolgsquote wuchs mit jedem tag man wußte bisher nur in kennerkreisen bescheid wobei es sich bei dem delikaten sachverhalt nie ganz aufklären ließ wie die informationen tatsächlich an die ohren der bedürftigen und neugierigen drangen die direkt betroffenen herren konnten keinerlei auskünfte mehr geben und den beteiligten damen war bisher nichts justiziables nachzuweisen gewesen es schien ein schicksalhafter mechanismus abzulaufen und wie wollte man es denn in einer aufgeklärten gesellschaft erwachsenen männern verbieten ihre eigene todesart zu wählen da war keine handhabe im innerstädtischen freudenhaus gibt es jede menge leichen aber keine beweise denn alle bisherigen besuche hier finden bekanntermaßen diskret und ohne zeugen statt das muß so sein und es ist auch so das ist zum beispiel eines der wichtigsten ungeschriebenen gesetze wenn etwa die diskretion nicht mehr funktionieren würde dann wäre dies das ende der zivilisation hier gibt es eine satisfaktionsgesteuerte solidarität die männer kommen anonym keiner will eben erkannt werden bei den zuständigen damen heißen sie ohnehin immer nur süßer und die damen heißen in der regel baby man spricht hier nicht über identitäten sondern über dienstleistungen das gewerbe ist unromantisch und in gewisser weise spießig diszipliniert nur so läßt sich längerfristig diese spezielle art von dienstleistung praktizieren alles was man bisher seitens der gendarmerie durch ebenso diskrete wie auch hartnäckige recherchen herausfinden konnte war die statistische vermutung daß es sich bei den betroffenen männern meist um irgendwie melancholische oder gar depressive liebhaber oder bedauernswerte ehekrüppel handelte die ihr finales lustspiel ganz bewußt aufgesucht hatten und daß offensichtlich einige doch etwas fülligere freudendamen mit all diesen herren in verbindung gebracht werden konnten soweit sich überhaupt irgend etwas rekonstruieren ließ denn die gerechtigkeit war einsichtig und die moral war subversiv die moral war im übrigen noch nie ein menschenverachtender erfüllungsgehilfe von untersuchungsbehörden zwar mochte es sehr wohl interne überwachungskameras geben für schnelle notwendige einsatzkommandos falls ein süßer einmal seine contenance verlor aber an diese aufzeichnungen war bisher noch niemand herangekommen daher  blieben die vorstellungen über gewisse vorgänge immer nur nebulös und in dienstlich überreizter phantasie eher pervertiert das mißtrauen der notgedrungen überforderten untersuchungsbeamten schürte nur eine allseitige schlimme laune die quasi definitionsgemäß in einem freudenhaus nichts zu suchen hatte die hier agierenden damen waren vor allem auch des französischen mächtig was den untersuchungsbeamten zunächst wenig sagte der staatsanwalt jedenfalls sprach ganz humorlos von frivoler sterbehilfe es fehlte allerdings hinten und vorne an hiebfesten indizien man beschloß also seitens der polizei selbst quasi als verdeckter ermittler in die freierrolle zu schlüpfen und sich auf verdacht hin ins milieu zu begeben um jene freudendamen zu besuchen und sie möglicherweise auf irgend einer frischen tat zu ertappen der etat des polizeipräsidium mußte arg belastet werden denn dieses spezielle etablissement war exklusiv in angebot und preisniveau und man wollte dort ja unauffällig also großzügig auftreten im prinzip hatten die damen für ihre spezielle dienstleistung durchaus einen gehobenen tarif und sie verdienten ihn sich redlich wiewohl man sich zunächst denken mag daß sich die beamten um diesen einsatz drängelten denn wann bekam man schon einmal den besuch im freudenhaus von seinem dienstherrn bezahlt und wann hätte man je mit unschuldigerer Miene seiner angetrauten versichern können diese scheinbar anrüchige unternehmung sei im sinne des gemeinwohls und zum schutz künftiger freudenhausianer dabei dachten sich etliche ehefrauen daß es den männern eigentlich ganz recht geschehe wenn sie bei der befriedigung ihrer niedersten gelüste zur strafe gleich umkämen man kann sich wohl den ausgang der großartigen polizeiaktion denken es sollte eine art verdeckte razzia werden aber wessen kopf einmal zwischen die schenkel dieser kourtisanen geraten war dem war in diesem leben nicht mehr zu helfen der schenkeldruck dieser damen hätte wohl auch manches pferd in die knie gezwungen all das war wie gesagt den üblichen freiern mehr als recht wer die freude am leben verloren hatte der kam hierher und hinterließ sein gesamtes restvermögen für die schönste todesart die sich eine von natur aus sexuell dominierte phantasie nur ausmalen konnte die ewige polarität von libido und thanatos erfuhr hier ihre höchste bewährung die göttinnen an der pforte höchster gleichheit von lust und schmerz taten mit überzeugung nur das was man von ihnen verlangte und zwar mit regelmäßiger perfektion

 

   

Meine Lieblingsrezension von meinem Lieblingsrezensenten:

Karl-Heinz Schreiber:
"Alyce oder das zaghaft Unheimliche"

Karl-Heinz Schreiber ist der Autor des 184 Seiten umfassenden Bandes in "lyryscher Prossa", der im Wiesenburg Verlag erschienen ist. Vorweg sei bemerkt, dass der Autor es sich vorgenommen hat, "sich von allzu rigorosen Sprachregelungen frei zu halten" und mit den Lesern "das assoziative Lesen zu üben".

Ersteres ist ihm zweifellos gelungen. Unbeachtet blieben immerhin Groß- und Kleinschreibung sowie die Interpunktion. Die einzelnen Zeilen seiner 30 (!) Themen-Sequenzen sind zentriert - es fehlt das Schriftbild des für den Leser gewohnten Zeilenumbruchs. Schreiber nimmt ohne jede Scham für sich in Anspruch, dass sich der Leser in sein Denken und seine Interpretationen der mehr oder weniger bedeutsamen Situationen der Alltäglichkeit in der Form einlässt, notfalls einen ganzen Abschnitt mehrmals in sich aufzunehmen, weil er die Aussage einfach nicht verstanden hat. Wer Schreiber kennt, der ahnt auch, dass dieser hochbegabte "Philosophenpoet" nicht eher Ruhe gibt, bis er das Alphabet und die damit in Zusammenhang stehenden Wortgedanken auf ein Aneinanderreihen von "Ypsilons" reduziert hat. Wer nicht ganz sattelfest im Umgang mit Fremdwörtern ist, darf getrost zum Duden greifen ohne sich schämen zu müssen, denn wo Poesie mit der philosophischen Disziplin um Erkenntnisse streiten, wird um jede Beschreibung des Gedankens gerungen. So wie die Lyrik einerseits die subjektive Erzählweise charakterisiert, konfrontiert der Autor den Leser durch Dialoge, indem der fiktive Kombattand in der "ER-Form" die Gegenargumente liefert, quasi als These und Antithese.

Wer nun glaubt, er könne sich beim Studium des Buches in der Erwartung süffisanten Lesegenusses in die Behaglichkeit entziehen, wird diesen Versuch spätestens nach der dritten Seite aufgeben müssen, etwa wie "wenn der Besucher kommt und gleich wieder geht".

In diesem Abschnitt wird unter anderem "die Ohnmacht der leidenschaftlichen Teilnahmslosigkeit" hinterfragt, wenn "Konventionen die gesellschaftliche Verbindlichkeit zu dominieren scheinen". Der Autor fragt weiter, "was Sinn ausrichte, der durch Hyperaktivität und mangelnde Übereinstimmung der Verschiedenheit (Individuation, Anmerkung des Verfassers) ersetzt wird?"
Wenn der Autor über "Aktualität" sinniert, ist zu lesen, dass "wir nie richtig aktuell sind - alles ist nur wie eine unsägliche Lähmung". Er berührt damit die Frage nach "der katalogisierten Person" und nach den Bewertungskriterien innerhalb des Gesellschaftssystems. Was erwartet die Funktionsgesellschaft von Schreiber ? Für ihn sind wenigstens die Gerüche des Menschen authentisch und ehrlich - aber aktuell? Vor "Tränen Im Foyer" wird gewarnt, weil "der Zugang zur Bühne meist verweigert ist". Hier scheint sich der Poet zu verabschieden, zweifelt einzig an seiner Reproduktion. Vor drastischen Bemerkungen wird nicht zurückgezuckt: Wer Grobheiten austeilt, der muss nicht unbedingt Ehrfurcht erwarten ! Wer nun wirklich "Das größte Arschloch" dieser Welt ist, wird dem Leser nicht vermittelt - wohl aber, dass sich viele um diesen Posten bewerben und sich für qualifiziert halten. Die Schwierigkeiten "des Wagnisses einer Kontaktaufnahme zu anderen Menschen" scheinen für den Autor schier unüberwindlich, weil die Frage, wer von beiden das Recht hat, sich als das größere Arschloch zu bezeichnen, letztlich den Passanten in der Fußgängerzone zur Entscheidung überlassen bleibt. In seiner Geschichte setzt der Autor geschickt die Metapher der "freien Stühle im Cafe`" ein , die für Kompetenz stehen.

Schreibers zuweilen satirische Erzählweise, die mit Selbstzweifeln nicht spart und andererseits wegen der vor Selbstbewusstsein strotzenden Ehrlichkeit, die er gegen andere aber vor allem gegen sich selbst richtet, schockiert, mag mitunter befremdend auf den Leser wirken. Davon kriegt der Leser einen kleinen Vorgeschmack, wenn er sich bis zu der Sequenz "Das zaghaft Unheimliche" vorgearbeitet hat: Zunächst wird die "Glaubwürdigkeit des Erzählers unter dem Aspekt der hörgewohnten Darstellung, Spannung zu erzeugen und den Leser so in seinen Bann zu ziehen", in Zweifel gezogen. Schreiber stellt dem "seine eigene Machart entgegen" und bezweifelt erst einmal, dass ihm "jemand bis zum Ende zuhört" und glaubt, dass "es Leser gibt, die interessanter sind als die Hauptfigur der Bücher" (die sie lesen, Anmerkung des Verfassers). Nach Auffassung des Autors "sollen Erzähler und Leser nicht zu einem Traumpaar werden". Somit sei die These, "Phantasie als Bestandteil der Poesie als zumutbarer Leseinhalt an die Stelle der nachvollziehbaren Erlebniswelt zu setzen" zur Proklamation, Literatur als künstlerische Idee verstanden zu wissen. Satire wird deutlicher ab Seite 64, wenn über "Die schönste Todesart" philosophiert wird. Da lebt sich die Eigenbestimmung des Mannes in der "Aberration der Lusterlösung als Konsequenz für fehlende Eigenbestimmung aus". Somit habe sich der Mann in einen "klinischen Exitus" begeben. Das Ganze wird mit handfesten Beispielen der professionellen Möglichkeiten eines Freudenhausbetriebes beschrieben.

Auf welche Möglichkeiten der findige Individualist kommen kann, sich mit dem ewigen Feind zu arrangieren, erfährt man , wenn ein "Postbote mit einem Hund einen Postboten zeugt" und auch die Schwierigkeiten, die sich in der konventionell orientierten Gesellschaftsmehrheit daraus ergeben, zum Beispiel ob das gemeinsam gezeugte Wesen nun katholisch oder evangelisch getauft wird. Darauf muss einer erst einmal kommen... Von der Satire her hat mir das "Lob an den Müll" am besten gefallen. (Das mag aber daran liegen, dass der Verfasser dieser Zeilen selbst Satiriker ist und sich seine Gattung Rosinen aus dem Dargebotenen herauspickt.)

Zunächst fordert Schreiber die Menschen auf, "sich zunächst einmal selbst zu entsorgen, weil sie das Überflüssigste darstellen, was sich im Kosmos ausschließlich mit sich selbst beschäftigt und ansonsten niemandem von Nutzen ist". Bedeutender sei schon der Müll selbst, "den wir produzieren, weil er unter anderem signifikantes Statussymbol des Einzelnen darstellt". Im Folgenden steigert sich Schreiber zu einem "Fortissimo" gedanklicher Verknüpfungen, wenn er die geistige Verwertbarkeit dieses menschlichen Nachlasses eruiert. Nach diesem highlight innerhalb meiner Lese- und Verständnisgewohnheit schlägt der Philosophenpoet sofort wieder in dem von ihm selbst entworfenen Autor-Leser-Verständnis zu und konfrontiert mit einer Art Selbstexploration "Gefährlich" mit unseren "psychosomatisch verseuchten Lebenswelten" und fragt - ja wen eigentlich ? - wie sich nur aus einer Summe von Leerformeln Argumentationsketten basteln lassen? Will sich der Poet in die Anpassung verlieren, die aus Beurteilungsmechanismen zusammengewürfelt ist ?

Weitere Stationen werden auf ihre Anwendbarkeit hin überprüft wie in den Analysen von "Gut geht" oder "Hindernisse". Wenn "Idee" zum Tragen kommt, lästigt sich der Autor durch den Tag und schwierigt seine Ansprüche. Dabei "züchtet jede Ideologie eine Aura und wirkt wie ein Bad im Drachenblut". Auch die "Verfügungsmobilität" wird angerufen, "sich durch Ideenblitze erschrecken zu lassen, wo doch für sich alleine genommen das dumpfe Hinbrüten über leeren Bilderrahmen die Farben nicht flügge werden lässt..."
Welch ausdrucksstarke Poesie!

Als Letztes mag noch die Überlegung von "dem (der) Wandler" angesprochen werden, denn die philosophischen Anstrengungen Schreibers sind derart komplex, dass die Auswertung aller Themen schon einem Epilog gleichkäme und... der künftige Besitzer des Buches mag konsequenterweise eigene Gedanken ausbrüten... Der Wandler hat sich "auf der Suche nach Identität" die Frage zu beantworten, aufgrund welcher Risiken diese auszuleben wäre? Und "welche Wirksamkeit würde erreicht, sollte der Versuch unternommen werden, die Erdachse zu verschieben?" Weiter fragt der Autor, "wie denn Verantwortlichkeiten der Leute ohne (regelnde, Anmerkung des Verfassers) Ampeln ausgelebt würden" ohne als anarchieverdächtig eingestuft zu werden, und "weshalb", so fragt er weiter, "müssen sich Menschen in diesem Sinne verantworten, Tiere aber nicht ?" ( Also, da kann ich nicht ganz folgen, denn im Tierreich werden oft schon kleinste Versehen mit dem Ableben geahndet - man denke nur an die Biene, die sich im Einflugloch versieht - oder an den alten Löwen, der seiner Pflicht aus Altersgründen nicht mehr nachkommen kann. Sollten derartige Konsequenzen aus dem Tierreich auf den Menschen übertragen werden, wäre die halbe Menschheit hin. Ich stelle mir gerade vor, zwei Menschen rasten mit Tempo 50 auf einander zu und stießen mit den Köpfen zusammen, wie es Nashörner zuweilen treiben, wenn es um ein Weibchen geht. Das wäre doch mal eine natürliche Auslese. Nix ist mit AOK , Rettungswagen und Hubschrauber, nix ist mit Amtsgericht, Berufung und Revision - keine mildernden Umstände ! Allerdings auch kein Bundesverdienstkreuz am Bande. Anmerkung des Verfassers).

Abschließend ein Fazit: 184 Seiten Arbeit (nicht nur für den Autor), Anregung, Konfrontation, Existenzphilosophie auf "Schreiberart". Ein begabter Querdenker outet sich, macht sich angreifbar, setzt den Finger auf offene Wunden - auch auf die eigenen. Schreiber weicht dem "Besucher" nicht aus, sucht den Dialog - wenn denn die Konventionen weitestgehend ausgeklammert sind.

Der "Vernetzer" hat zugeschlagen. Schwer zu lesen, für ganz viele vermutlich auch schwer zu verstehen. Aber das scheint auch so gewollt...

Hartmut T. Reliwette