Karl-Heinz
Schreiber
ALYCE
oder Das Zaghaft
Unheimliche
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Eine kleine Einlesehilfe, quasi eine Abkürzung für Leser, die
versuchen möchten, Assoziationen zu systematisieren: also eine Art
dienstliche Leser wie Rezensenten & Interpreten. Der rein private
Leser sollte das Labyrinth ohne roten Faden betreten - womöglich entdeckt
er dabei Nebengänge, von denen der Autor kaum eine Ahnung hatte. Überhaupt
wird man feststellen, daß Kriterien helfen, obwohl sie nicht stimmen.
Die meisten Texte bieten
Skurriles (Banales & Geniales):
DER
BLINDE MALER
Ein scheinbar anrührendes Phänomen: ein blinder Maler kreiert
geniale Bilder, welche Sammler & Kritiker gleichermaßen faszinieren!
Hat er damit eine neue Ästhetik geschaffen? Jedenfalls gelingt es
niemandem, hinter sein Geheimnis zu kommen. Der Maler aber arbeitet
kontinuierlich & diszipliniert weiter, so als ob er nur der
Warteschlange seiner Käufer & der Kunstgeschichte verpflichtet wäre
- wem auch sonst?!
DIE
ENTDECKUNG AMERIKAS
Das sind die Stoffe, die in den Geschichtsbüchern
fehlen, weil man sie nicht für möglich hält. Wie würde es denn
zugehen, wenn heute jemand Amerika entdeckt hätte & damit live ins
Fernsehen will?! Wer begreift denn schon die Dimensionalität dieser
Entdeckung?! Der Text ist womöglich ein Reflex auf die Ungleichzeitigkeit
der Relevanzen & die Hybris der medial verseuchten Moderne.
EIN
POSTBOTE ZEUGT
MIT EINEM
HUND EINEN
POSTBOTEN
Wäre es denn in irgend einer Weise problematisch, wenn
ein harmoniebedürftiger Postbote tatsächlich versuchen wollte, mit einem
konzilianten Hund einen realitätstauglicheren Postboten zu zeugen?! Und wäre
dann die Berufsausübung für diesen Postboten mit Hundeanteilen
nachweislich leichter?! Unkonventionelle Problemlösungsversuche bedürfen
zumindest relevanter Aufmerksamkeit.
ELOGE
AN DEN
MÜLL
Eines muß man sich einmal unbarmherzig klar machen:
ohne Müll gäbe es kein menschenwürdiges Leben! Der Mensch ist nur
Mensch, indem er Müll produziert! Müll ist die Connection des
Individuums zur Gesellschaft & die Verbindung des Menschen zur
Ewigkeit! Wenn wir nichts wegwerfen würden, könnten wir nichts Neues
entwickeln! So lautet jedenfalls die Botschaft des materiellen Denkens.
KÄLTE
Das Leben verläuft zweifelsohne im Zweierrhythmus der
Kopfbedeckungen: Hut & Mütze wechseln ab in ihren Funktionen uns zu
schützen. Das mußte man sich nur endlich einmal bewußt machen! Wir
Menschen haben das gesellschaftlich organisiert. Kälte oder Hitze sind
nur noch Anlässe, aber keine Plagen oder Freuden mehr! Hängt denn das
Niveau der Existenz von den Temperaturen ab?!
ÜBER
DIE KUNST
DES ANLEHNENS
VON LEITERN
Leitern sind für uns im Leben recht nützliche Helfer,
sowohl in pragmatischer als auch in symbolischer Hinsicht. In einem
kleinen Land sind die Männer ununterbrochen am Erfinden. Und was sie für
das Anlehnen von Leitern herausgefunden haben beweist, daß Genialität
bedeutet, ein kaum merkliches Problem unauffällig zu lösen, so daß aber
die Lösung schließlich auffälliger werde, als das Problem es je war.
UNREALISTISCHE
BESCHWERDE
Mit welch unvermeidlicher Konsequenz
die Unzufriedenheit der Zwerge in eine Regierungskrise führen
kann, ist schon erstaunlich. In der modernen Gesellschaft kümmert sich im
alltäglichen Leben niemand sonderlich um die Zwerge, aber man nutzt
jegliche gebotene Chance zur Entrüstung. Die Zwerge erlangen zu keiner
Zeit den Status einer Relevanz, sie werden lediglich intstrumentalisiert.
ZUR
WAND GEDREHT
Der Mensch ist in der Zwickmühle, daß er sich
entweder ausliefert oder sich in ein Refugium zurückzieht. Es kann
durchaus sein, daß einer statt mit einem Gegenüber zu argumentieren,
sich lieber seiner Wand und dem Tapetenmuster zuwendet. Was dabei
herauskommt, ist eine äußerst diffizile Philosophie über die eklatanten
Unterschiede zwischen Wänden & Mauern.
Fast ebenso viele Texte beschäftigen
sich mit dem Wesen der Existenz:
DER
WANDLER
Ein Mensch ist unterwegs in der Öffentlichkeit &
fragt sich, ob er nicht die Alternative zur momentanen Welt sein könne.
Und er versucht herauszufinden, wie individuell oder populistisch, wie
real oder traumhaft er eigentlich sei. Und er fragt sich penetrant, für
wen er denn ständig in Bewegung sei & weswegen er sich in eine gar
nicht vorhandene Ordnung einordnen solle. Eine sehr praxisorientierte
Gewissenserforschung.
GUT
GEHT
Wir leben lediglich als Definition & durch
Definitionen. Das müssen wir uns eingestehen. Uns kann es nur dann gut
gehen, wenn es den Menschen gut geht. Wir können nur gutgehende Menschen
sein, wenn es außer uns keine schlimmeren Probleme mehr gibt. Aber das
setzt einen Quantensprung im Bewußtsein & eine Privilegierung unserer
unspektakulären Existenzform voraus!
IDEEN
Die Spekulationen um das Leben & seine Praxis
erwachsen sozusagen naturgemäß aus Ideen. Es geht dabei allerdings überhaupt
nicht um Lösungen, es geht lediglich & immerhin darum lebendig zu
sein! Und schließlich gewinnt man mit etwas Geduld sogar aus einer vorübergehenden
Flucht eine dauerhafte Überzeugung. Oder sind die Ideen nur die
pervertierte Vorfreude auf eine ernüchternde Praxis?
MENSCHEN
BRAUCHEN WIR
Die Menschen werden stark oder schwach; sie suggerieren
sich gegenseitig ihre Existenzform. Dabei manifestiert sich in allen
Szenarien über das menschliche Zusammenleben der Wunsch, nicht mehr
gegeneinander polemisieren zu müssen. Man kann mit dem Leben spekulativ
oder administrativ verfahren. Die Frage bleibt immer, ob man sich selbst
oder andere dringlicher braucht.
ÜBER
DIE SINNLICHKEIT
DES SINNS
Der Mensch ist ein aggregatabhängiges Wesen. Daher benötigt
er hin & wieder den Selbstbetrug, um nicht dem Fatalismus anheim zu
fallen. Aber wie läßt sich eigentlich mit dem Sinn des Lebens
professionell umgehen? Kann der Sinn überhaupt sinnlich erfahrbar gemacht
werden & ist es womöglich ab einem gewissen Punkt sogar eine Lust,
einen Sinn zu suchen & zu praktizieren?
UNSERE
BEFINDLICHKEIT
Ob ein Mensch so werden könne, wie es anderen gefällt
ohne eigenes Zutun? Aber wie seriös können Motive gegenseitiger
Erwartung sein? Menschen können auch aufeinander fixiert sein, ohne sich
bewußt weh zu tun. Womöglich kann man auch annehmen, daß ein Mensch des
anderen Vison ist. Diese Konstellation würde zumindest einer gemeinsamen
Befindlichkeit sehr wohl tun.
Dann geht es um Geltungsbedürfnis,
Wahrnehmungsflucht & Kommunikationsstreß:
AKTUALITÄT
Da kommt einer in ein Geschäft kurz vor Ladenschluß
& verlangt, daß der Besitzer & die Kunden sich länger mit ihm
beschäftigen. Das Geschäft muß offen bleiben, damit sich jemand mit
diesem Menschen abgibt. Er möchte hartnäckig aktuell sein für seine
Umgebung. Ist das eine neue Dimension eines libidinös motivierten
Amoklaufs?! Die Bedrohlichkeit nach innen & nach außen ist eine
komplementäre Kategorie.
DAS
GRÖSSTE ARSCHLOCH
Eigentlich eine harmlose Ungeheuerlichkeit, die sich
hier abspielt: zwei Männer in einem Straßencafé möchten beide das größte
Arschloch sein - wogegen man sich normalerweise verwehrt! Um
herauszufinden, wer es wirk-lich ist, wollen sie nach einem schwer in Gang
gekommenen Disput die Leute in der Fußgängerzone befragen. Wer den Autor
kennt weiß, daß dies nur eine fürchterliche Parodie um drei Ecken sein
kann.
DER
BESUCHER
Jemand muß allzu vielen Einladungen nachkommen, wobei
man eigentlich gar nicht so richtig plausibel erfährt, weswegen er so
beliebt ist. Er erledigt aus purer Notwehr seine Termine, indem er den
putativen Gastgebern erklärt, er sei nur gekommen, um ihnen klar zu
machen, daß er noch weitere Besuche am selben Abend zu absovieren habe -
was eigentlich den jeweils aktuellen Gastgeber vergrämen müßte!
KITSCH
PASSIERT
Wie gewinnt man ein unverkrampftes Verhältnis zum
Niveau? Es gibt tatsächlich zur Genüge Menschen, die sind dem
unverhofften Faszinosum der knallharten Kategorien erlegen. Sie definieren
die Welt als Relevanz oder Kitsch. Und wenn einer rigoros ist, dann will
es mit seinen Argumenten rechthaben. Da bleibt nur noch eine symbolische
Integrität als Schutz vor den unauffälligen Obsessionen &
Obstruktionen.
TRAKTAT
VOM IDIOTEN
Wer ist eigentlich in dieser heutigen Gesellschaft ein
Idiot - oder wer ist keiner?! Derjenige der funktioniert oder derjenige,
der sich eben emotional vereinnahmen ließ. Derjenige der sich verweigert
oder derjenige, der eigentlich zu dumm zu beidem ist? Idioten sind
zweifelsohne eine mehrheitsfähige Spezies & man kann auch eine
Zeitlang mit Überzeugung naiv sein.
VERSAMMLUNGSERGEBNISSE
Die Menschen mußten sich daran gewöhnen,
Versammlungen als etwas Unverzichtbares zu empfinden. Der einzelne müßte
wohl zugrunde gehen, ohne die Orientierung im effektiven Kollektiv. Aber
sind wir nicht nur Epigonen, selbst wenn wir uns subjektiv empfinden?
Wichtig ist jedenfalls die Einigung auf den nächsten Versammlungstermin,
damit eine existentielle Kontinuität gewahrt bleibe.
Schließlich folgen Texte zu Erzählmanie
& Relevanz:
DAS
ZAGHAFT UNHEIMLICHE
Ein Autor möchte die Art seines Erzählens nicht der
vordergründigen Wahrheit opfern. Er setzt sich quasi zur Wehr gegen einen
allzu authentisch reduzierten Stoff & gegen die allmächtige
Rezeption. Reflektiert wird die Konstellation, ob Erzähler & Leser
aufeinander angewiesen seien oder eher aufeinander verzichten könnten.
Die Problematik scheint unheimlich, daher wird sie auch vorläufig nur
zaghaft angegangen.
MARGINALE
ZENTREN
Wofür interessieren sich denn überhaupt die Leute? Da
kämpfen Paradigmen an gegen Krisengemurmel. Und im Zentrum unserer
Varianten stehen wir bis zur Ignoranz. Man begreift zumindest seine
Unerheblichkeit & artikuliert sich anspruchsvoll unaufdringlich. Aber
manchmal ist es auch nur die Stunde derer, die noch nirgendwo
hinausgeflogen sind. Ein günstiger Anfang für die Poesie!
TASTENDER
TEXT
Worte können unser Leben verkomplizieren. Ein Erzähler
muß wissen, daß es auch ein Leben außerhalb des Textes gibt - aber darf
er es auch verraten? Der Autor observiert & wird unglaubwürdig. Wie können
sich Erzähler & Autor einig werden? Die Neugier ist ausgesandt, sie
wird frühsommerlich konditioniert. Aber eigentlich ist allen klar, daß
ein neuer Erzählertypus vorgestellt werden muß.
Es gibt auch Texte über
Bedrohlichkeiten:
GEFÄHRLICH
Man muß sich einmal so eine Frage stellen: auf welche
Weise könnte denn ein Leben originell werden? War nicht die unausrottbare
Hoffnung auf Einmaligkeit das eigentlich Gefährliche im Leben? Oder ist
der bisher existente Mensch doch seine eigene unberechenbare
Dokumentation? Jeder Versuch sich einer Gefahr auszusetzen muß im Leben
enden. Und wie das Leben endet weiß man.
HINDERNISSE
Gibt es eine philosophische Lösung, wenn man in einem
dunklen Häusereck überfallen wird?! Da kommt man als konkretes Opfer
schon auf eklatante Wunschphantasien. Wie befreit man sich effektiv aus
hautnaher Bedrohung? Sind Ruhe oder Mobilität dem Menschen mehr
hinderlich?! Vielleicht liegt in der Unsichtbarkeit die Chance zur
befreienden Aktion & zur wahren fundierten Kommunikation?!
IM
INNERN DER
ANGST
Alyce muß grundsätzlich lernen, ihre Angst zu überwinden.
Die anrührende Frage bleibt: kann sie das denn eigentlich schaffen? Sie
wird also ins Labyrinth geschickt. Und sie gelangt tatsächlich bis ins
Zentrum. Dort allerdings ereignet sich quasi Ultimatives. Eigentlich war
das nur ein fieses Spiel oder doch der Verlust der existentiellen
Orientierung seitens aller Beteiligten? Ist Angst relativ oder absolut?
Übrig bleiben noch Texte über
Quasi-Erotisches & Frivolinisches:
DIE
SCHÖNSTE TODESART
Eigentlich Stoff für eine Novelle: in einem ganz
speziellen Freudenhaus an einem nicht weiter bekannten Ort finden alle
libidinös verzweifelten Männer ihre ganz besondere Form der Erlösung!
Das hier praktizierte finale Lustspiel ereignet sich quasi unaufhaltsam
zwischen Diskretion & Dienstleistung. Und man muß nur begreifen
lernen, daß man hier mit borniert-juristischen Kriterien nicht weit
kommt.
ICH
WAR EINE
KNÄBIN
Auch ein Novellenstoff: plötzlich war er nicht mehr
unproblematisch eindeutig. Eine Mutation war dabei stattzufinden
(progressive Form). War dies automatisch etwas Negatives? Wieso sollte
denn die Identität abhängig sein vom Körper? Die existentielle Sekurität
war womöglich in Gefahr! Je verworrener sich die Experten äußern, umso
heftiger gewinnt die Hauptfigur ihr Selbstverständnis - denn die Gefahr
besteht heutzutage darin, daß wir alles akzeptieren, nur nicht uns
selbst!
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