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Karl-Heinz Schreiber

IRGEND

Die letzte Lyrik des Jahrtausends  

(St. Ingbert, 2000)  

112 S., € 11.-

 

 

»Ja, die Lyrik kann dem heutigen schlimmen Zeitgeist trotzen (...) Und daß Lyrik so etwas KANN, beweist Schreiber selbst. Denn trotz einiger grauer 70er-Jahre-Reminiszenzen ist sein Gedichtband ein sprachliches Meisterwerk, eine poetische Leistung. Vielleicht wäre hier also eher durchgängige Groß-Schreibung angebracht und nicht die hier angebotene Kleinschreibung?! Würde ich sagen. Die Gedichte wären es wert.«
Thomas Stemmer

 

  "Wenn es hier noch zu Zuckungen von letzter Jahrtausendpoesie kommt, dann mag dies auch nur noch wie ein trotziges Ritual erscheinen. Aber wahrscheinlich muß doch noch irgendein Poet den Tendenzen ihren eigentlichen Namen geben, um vielleicht zu einer Poesieverschwörung zu gelangen, durch welche sich eine Perspektive erahnen ließe jenseits aller Irgendologie. Wir lieben alle die Freiheit - aber wer befreit uns von der Beliebigkeit? Es ist dies eine Frage des kategorischen Selbstwertgefühls. Auch Lyrik hilft immer noch, daß wir unsere Eigentlichkeit begreifen."   (Vorwort)

 

 

PHANTOMSCHMERZEN

 

nun also referieren sie

wieder pünktlich

und zum unvergeßlich

wiederholten mal

unsere bediensteten

ergriffenheitsfetischisten

kein ereignis ist ihnen

zu gering ihren schmerz

zu protokoll zu geben

unsere scham

nachweislich einzuklagen

das vergessen zu

hierarchisieren

wir sind nur immer benommen

von der phonstärke

von der dekoration

wir bemerken kaum

schnell genug

den wechsel im

verwendungszweck

die modulationen

im wortschatz

 

 

NUTOPIA

 

die pestilenz überkomme

die heuchler & verzweifler

mit ungebremster vehemenz

den diktatoren & handlangern aber

verdorre der kopf auf dem hals

im verlaufe schmerzkriechender wochen

in übelriechenden intervallen

die gicht fahre den dichterlingen in

die finger die immer nur beflissen

uns mit märchen erbaulich quälen

bis wir uns verleugnen

die wenigen überlebenden könnten

am leichengift verrecken

es wäre eine freizeitposse

mit einer option zur fortsetzung

die erdachse mutiert zur spirale

in den planquadraten

töten sich die details

 

   

www.vs-hessen.de/texte/texte02-schreiber

Aber es gibt einen Sinn

In einem Gedichtband ein paar Texte zu finden, die mir gefallen, ist ein spannendes Abenteuer. Gelingt es mir, so hat sich die Anschaffung des Buches gelohnt. So ist es mir mit dem Band "Irgend / Die letzte Lyrik des Jahrtausends" von Karl Heinz Schreiber ergangen. Wider Erwarten bin ich fündig geworden. (...)

Wie in den meisten Gedichten Karl-Heinz Schreibers fließt in "Nein Nirgendwo" die Melodie der Sprache und verselbständigt sich. Alltagserfahrungen werden unsicher gemacht, "die erinnerungen werden nur gemalt" und dann wieder wichtige Erkenntnisse wie "es waren vielen abende / die uns zermürbten". Wer hat das nicht erlebt? "vor flüssen haben wir respekt / auch vor insekten". Das ist vorstellbar. Vor den realen Dingen der Welt Achtung auch "im widerschein einer selbstfindung" zu haben, gefällt mir.

"Epochenschock" ist ein gut verständlicher Text über die Situation "plötzlich aufzuwachsen in einem / fremden jahrhundert ohne telephon / und unverhofft in engpässen gelandet / wie läßt sich der schock neutralisieren / in einem land ungewohnter menschen". Als Gott angebetet möchte man nicht enden, "wir suchen kompromisß". Manchmal reißt die Sprachmelodie den Dichter mit sich fort und er schreibt offensichtlich nur mit dem Klang der Sprache und nicht ihrem Sinn gehorchend. Dann fehlen die konkreten Anhaltspunkte, die aufmerksam und auf das Gedicht neugierig werden lassen.

"nichts mehr hinaus / alles nur hinein" heißt es in Askese/Entsagung". Ich sehen einen Menschen vor mir, der nicht nur frisst und an seiner Gier erstickt, sondern einen, der auch alles Andere, was ihm begegnet, konsumiert und sich einverleibt. Das Entsetzlichste daran ist, dass "wir konkurieren / mit unserem eigenen / niveau". Ein fett gewordener Mensch, des sich selbst zum Maßstab setzt, einer, der immer alles haben muss und alles besser weiß, eine Metapher für eine besondere Sorte von Mann oder Frau. Es lohnt sich in Karl-Heinz Schreibers Gedichtband auf Entdeckungsreisen zu gehen. Ich glaube jeder wird "sein" Gedicht finden, denn "... es gibt einen Sinn".

Uta Franck

 

http://www.edition-thaleia.de/schreiber-irgend.html