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»Ja,
die Lyrik kann dem heutigen schlimmen Zeitgeist trotzen (...) Und daß
Lyrik so etwas KANN, beweist Schreiber selbst. Denn trotz einiger grauer
70er-Jahre-Reminiszenzen ist sein Gedichtband ein sprachliches
Meisterwerk, eine poetische Leistung. Vielleicht wäre hier also eher
durchgängige Groß-Schreibung angebracht und nicht die hier angebotene
Kleinschreibung?! Würde ich sagen. Die Gedichte wären es wert.«
Thomas Stemmer
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"Wenn es hier noch zu Zuckungen von letzter Jahrtausendpoesie
kommt, dann mag dies auch nur noch wie ein trotziges Ritual erscheinen.
Aber wahrscheinlich muß doch noch irgendein Poet den Tendenzen ihren
eigentlichen Namen geben, um vielleicht zu einer Poesieverschwörung zu
gelangen, durch welche sich eine Perspektive erahnen ließe jenseits aller
Irgendologie. Wir lieben alle die Freiheit - aber wer befreit uns von der
Beliebigkeit? Es ist dies eine Frage des kategorischen Selbstwertgefühls.
Auch Lyrik hilft immer noch, daß wir unsere Eigentlichkeit
begreifen." (Vorwort)
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PHANTOMSCHMERZEN
nun
also referieren sie
wieder
pünktlich
und
zum unvergeßlich
wiederholten
mal
unsere
bediensteten
ergriffenheitsfetischisten
kein
ereignis ist ihnen
zu
gering ihren schmerz
zu
protokoll zu geben
unsere
scham
nachweislich
einzuklagen
das
vergessen zu
hierarchisieren
wir
sind nur immer benommen
von
der phonstärke
von
der dekoration
wir
bemerken kaum
schnell
genug
den
wechsel im
verwendungszweck
die
modulationen
im
wortschatz
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NUTOPIA
die pestilenz überkomme
die heuchler & verzweifler
mit ungebremster vehemenz
den diktatoren & handlangern aber
verdorre der kopf auf dem hals
im verlaufe schmerzkriechender wochen
in übelriechenden intervallen
die gicht fahre den dichterlingen in
die finger die immer nur beflissen
uns mit märchen erbaulich quälen
bis wir uns verleugnen
die wenigen überlebenden könnten
am leichengift verrecken
es wäre eine freizeitposse
mit einer option zur fortsetzung
die erdachse mutiert zur spirale
in den planquadraten
töten sich die details
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www.vs-hessen.de/texte/texte02-schreiber
Aber
es gibt einen Sinn
In einem Gedichtband ein paar Texte zu finden, die mir gefallen, ist ein
spannendes Abenteuer. Gelingt es mir, so hat sich die Anschaffung des
Buches gelohnt. So ist es mir mit dem Band "Irgend / Die letzte Lyrik
des Jahrtausends" von Karl Heinz Schreiber ergangen. Wider Erwarten
bin ich fündig geworden. (...)
Wie in den meisten Gedichten Karl-Heinz Schreibers fließt in "Nein
Nirgendwo" die Melodie der Sprache und verselbständigt sich.
Alltagserfahrungen werden unsicher gemacht, "die erinnerungen werden
nur gemalt" und dann wieder wichtige Erkenntnisse wie "es waren
vielen abende / die uns zermürbten". Wer hat das nicht erlebt?
"vor flüssen haben wir respekt / auch vor insekten". Das ist
vorstellbar. Vor den realen Dingen der Welt Achtung auch "im
widerschein einer selbstfindung" zu haben, gefällt mir.
"Epochenschock" ist ein gut verständlicher Text über die
Situation "plötzlich aufzuwachsen in einem / fremden jahrhundert
ohne telephon / und unverhofft in engpässen gelandet / wie läßt sich
der schock neutralisieren / in einem land ungewohnter menschen". Als
Gott angebetet möchte man nicht enden, "wir suchen kompromisß".
Manchmal reißt die Sprachmelodie den Dichter mit sich fort und er
schreibt offensichtlich nur mit dem Klang der Sprache und nicht ihrem Sinn
gehorchend. Dann fehlen die konkreten Anhaltspunkte, die aufmerksam und
auf das Gedicht neugierig werden lassen.
"nichts mehr hinaus / alles nur hinein" heißt es in
Askese/Entsagung". Ich sehen einen Menschen vor mir, der nicht nur
frisst und an seiner Gier erstickt, sondern einen, der auch alles Andere,
was ihm begegnet, konsumiert und sich einverleibt. Das Entsetzlichste
daran ist, dass "wir konkurieren / mit unserem eigenen /
niveau". Ein fett gewordener Mensch, des sich selbst zum Maßstab
setzt, einer, der immer alles haben muss und alles besser weiß, eine
Metapher für eine besondere Sorte von Mann oder Frau. Es lohnt sich in
Karl-Heinz Schreibers Gedichtband auf Entdeckungsreisen zu gehen. Ich
glaube jeder wird "sein" Gedicht finden, denn "... es gibt
einen Sinn".
Uta Franck
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