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Karl-Heinz Schreiber

Der Meerschwimmer

oder Heimat für Blumberg

Spätbürgerlicher Roman aus der undefinierbaren neuen Zeit

 

 

Wiesenburg Verlag, Schweinfurt 2005

ISBN 3-937101-51-9

303 S., € 18,80

 

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     Blumberg, der Protagonist, fühlt sich in seiner normalen Lebensumgebung längst nicht mehr genügend ernst genommen und merkt, daß er ohnehin auf jegliche Anerkennung längst verzichten kann. Also begibt er sich auf eine lange Fluchtreise, wodurch er sich allen Zusammenhängen entzieht und in die unterschiedlichsten Entgrenzungen gelangt. 

     Blumberg ist der Schwimmer im Meer, der das Meer bewußt sucht, sich ihm ausliefert, sich ihm anvertraut - eine Symbiose mit ihm eingeht! Er will sich finden, umgeben von dieser unauslotbaren Tiefe - kein Horizont außer Himmel und Wasser. Die Frage ist, ob wir nicht alle gerne und dringend Meerschwimmer sein möchten . . .

 

 

Hier ein Ausschnitt:

 

VORSPANN MIT ERWARTUNG

oder:  Das Leben ist Kunst

"Mir ist nirgends recht. Es ist, als wäre ich überall eben zu spät gekommen,

als hätte die ganze Welt gar nicht mehr auf mich gerechnet."

                   (Joseph von Eichendorff, Taugenichts)

 

 

losreißen

will ich mich

aus Stimmungen

wo es Indizien gibt

 

man gab mir Zeitungen -

ich wollte Fahrkarten

 

     Blumberg saß in seinem Vorgarten. Vielleicht mit  übereinandergeschlagenen Beinen. Er las Zeitungen. Der Versuch eines Vierzigjährigen war gescheitert. Er hatte in einem winzigen Boot den Atlantik überqueren wollen. Ein etwa zwei Meter langes Boot. Er mußte von einem Trawler an Bord genommen werden. Zu schwer sei das Boot beschädigt gewesen. Der Mann wolle einen neuen Versuch unternehmen.

     Blumberg konnte sich nahezu außer Atem lesen an solchen Geschichten. Aber wieso wollte sich jemand auf ein Boot verlassen, wenn er schwimmen konnte?

     Ach, Feigheit birgt Lähmung. Wer ist ein existentieller Blindgänger. Blumberg war doch nicht der Mensch ohne Schamröte. Aber er tat manchmal bereits das, was er wollte. ("Bin ich denn irgendeines Überwesens agent provocateur?") Blumberg hatte das Radio laufen. Schwarze Musik. Animali­scher Sonnenkult, was in ihm freigesetzt wurde! Es kann für einen Träumenden nicht auf das Erwachen ankommen. Ein konsequenter Schläfer weiß gut über sich Bescheid. Eine somnambulante Intuition!

     Blumberg, der Mann mit der Sehnsucht nach Reaktionsfreiheit. ("Damit möchte ich nichts unterstellt haben; ich bin eigentlich kein Revanchist.") Ungern fühlte er sich beklemmt. Angst. Ehrgeiz. Opposi­tion. Urkunden. Händeschütteln. Normen. Beurteilungskri­terien. Kartei. Hierarchie. Hausordnung. Zimmerlautstärke. Amnestie!

     Das ist die allgemeine Anspruchslogik! Blumberg verhing die Fenster. Blumberg riß die Fenster auf. ("Und wieder ein Komplex?") Blumberg war nicht impulsiv. Blumberg war unvorhersehbar. Er betrachtete sich die Menschen. Nahm die Welt in sich auf. Dachte auch über das Leben nach. (Wäre der liebe Gott ein Snob, dann ließe er über die Evolution mit sich reden.)

     Rede sich keiner auf seinen banalen Widerwillen hinaus.("Soweit durfte man es doch nicht kommen lassen! Das gehörte sich einfach nicht!")

     Es gilt, eine Position zu gewinnen! Es gilt, sich von Konjunktiven zu befreien! Alle Philo­sophen suchten bisher diese Position in ihrem Kopf, in ihrem Staat, in ihrer Religion. Vielleicht hatten sie auch eine Zeitlang recht.

     Blumberg blätterte hin und wieder. In Prospekten, Katalo­gen, Illustrierten, Magazinen, Broschüren. Nahm zur Kennt­nis: Weisungen, Aufträge, Verordnungen. In dieser Gesell­schaftsordnung war der Broterwerb keine eigenständige Sache. Da kam es noch auf Reaktionen an, einen kontrol­lierten Blick, diskrete Wortwahl, sparsame Gestik, emo­tionsfreie Mimikry. Keine Intimitäten eingehen mit Leuten, die einem nichts einbringen können! Keine nachweislichen Bösartigkeiten. Nichts Beunruhigendes.

     "Weil man mich im Prinzip durchaus für harmlos hält?"

"Weil ich es hier nur sein kann?"

     Ach, die progressive Intuition. Der anthropologische Zufall. Die unerklärbare Verlegenheit!

     Blumberg hatte viel mitbekommen. Er war ein kultivierter Mensch. Er interessierte sich vielfältig. Las. Verschwand in Gedanken aus seinem Leben. Oder: das wohl nicht?

     Aber: eine Situation verlassen? Auch einmal etwas versuchen. Blick über seinen Rasen. Endlich einmal wuchern lassen. Die Straße vor dem Grundstück hatte wahrlich nichts Gefährliches an sich. Der Verkehr war zu sehr ortsgebunden. Auch Blumberg kam sich äußerst ortsgebunden vor. (Was waren denn seine Wahrnehmungen überhaupt noch wert?)

     Wer bleibt iterativ unzulänglich. Hat ein Mensch Eigenarten. Wird er dadurch verbürgterweise zum Menschen. Was findet bei Begegnungen statt. Es zieht sich eine Überschwenglich­keit von Hirn zu Hirn! Und übrig bleibt eine Manie, sich etwas zuzurufen. Lebewohl, etwa. Oder, vergiß nicht.

     Auf zu neuen Ufern. Wer habe nicht schon den Traum ge-"träumt"(?) vom weißen Schiff, das ihn lautlos und ohne Mühe zu fremden Meeren, grünen Inseln, sonnigen Ländern und anderen, erträglicheren Menschen brächte?! Kreuzfahrer würden sich solche Träume erfüllen. Sie seien Individuali­sten, jeder habe seine Eigenarten. Doch eines sei ihnen gemeinsam: wer einmal auf einem schönen Schiff eine Reise gemacht habe, komme immer wieder. Die Luft woanders atmen, nun denn.

     Aber er müsse doch einen Traum haben. Was denn? Nach Amerika fahren oder eine nackte Frau begutachten. Wieso einen Traum. Träumen könne er noch lange genug, wenn er gestorben sei. 

     Wenn aber einer schwimmen wollte? Wer würde es ihm zutrauen? Würde man es ihm gestatten? Womöglich würde man ihm einen Freifahrtschein aufdrängen! Womöglich müßte man sich die Berechtigung auf seine Sehnsüchte mühsam verdienen. Um­ständlich.  

     Blumberg abonnierte zwei Tages- und eine Wochenzeitung. An Kiosken kam er selten vorbei. Blumberg hatte auch seinen Bierkasten im Keller. Ach, wie lebenshemmend waren doch Angewohnheiten!

     Während Blumberg Fingerkuppen befeuchtete, blätterte, beging er nichts Ungewöhnliches. Blumberg im Gebirge. Blumberg am Meer. Blumberg bekleidet frierend. Blumberg nackt schwitzend. Überschwenglich. Verhalten. Hält ein Familienphotoalbum der Suggestivität von Reiseprospekten stand?

     Immer in Farbe. Nie ohne Kommentar. Nie ohne Vergleichbarkeiten. Blumberg hatte die Welt auch im Regal. Tausende Prospekte, oder wie viele wohl? Nach Erdteilen geordnet und dann alphabetisch nach Ländern. Und dann nach Bundes­staaten, Provinzen, Städten, Flüssen, Bergen, Sehenswür­digkeiten. ("Die Sehenswürde ist unantastbar!" - "Gibt es denn wenigstens auch eine Sehensunwürdigkeit?"). Läßt sich denn die Welt alphabetisieren?

     Blumberg hatte die Welt im Griff. Er kannte Namen. Panoramen. An seinen Zimmerwänden auch Karten. Routen markiert. Korrespondierend mit Bildbänden. (Diaserien?) Maßstabsberechnungen. Klima­tabellen. Auf dem Schreibtisch ein Globus. (Aha, Blumberg gehörte also zu den Menschen, die einen Schreibtisch be­saßen! Das besagt doch immerhin etwas.) Blumberg hatte auch vor, sich mit Tieren und Pflanzen zu beschäftigen. Mineralien! ("Da fällt mir ein Stein vom Schreibtisch!").

     Kul­tur und Geschichte. Völker und Kunde. Einzelpersönlichkeiten. Entdecker. (Menschen?) Errungenschaften und andere Mythen. Religionen. Politische und gesellschaftliche Sy­steme. Wirtschaftliche Abläufe. Marktmechanismen. Pro­duktionsabläufe. Brauchtum. Literatur und Bildende Kunst. Sagen und Märchen - vor allem. Fiktion. ("Es wird auch noch einmal gewesen sein!") Und Musik! ("Blumberg, get that feeling!")

     Das Schlimmste: die Überalterung seiner Erwartungen. ("Ein Faksimileabdruck meiner Seele?") Als ob ich die Weltgeschichte nur wahrzunehmen brauchte! Als ob ich tatsächlich historisch angewiesen wäre! Muß ich altern, weil die anderen altern?

     Hätte Blumberg die Tragweite von Anfang an erahnt! Plötzlich erkennen, daß persönliches Wissen sich viel zu behäbig entwickle. Verglichen mit dem Lauf der Welt. (Ein Schnelldurchlauf?) Blumberg hatte sich verkalkuliert. Immer wieder traf er Menschen, die mehr wußten als er. Oder es überzeugender simulierten. Aber das war ja eigentlich gar nicht sein Problem.

     Dies zu begreifen be­schäftigte ihn mehr als alle politischen, wirtschaftlichen und sozialen Ungerechtigkeiten. Blumberg hatte durchaus seinen Stolz. Allerdings war Blumberg vieles keineswegs geheuer. Was machte ihn nicht alles mit sich selbst un­zufrieden!

 

Ich irre mich nie über mich!

Ich mische mich nicht unzulässigerweise in mich ein!

Ich bin mir schon etwas wert!

Nicht nur aus Gründen:

naheliegend, äußerlich oder interessegebunden.

Weil: ich ständig mit mir zu tun habe!

Nur unter Ausnahmebedingungen

kenne ich mich noch nicht!

Es ist dies mehr als eine ersetzbare Laune.

Die Zeit: die ich mit mir verbringe!

Kein Augenblick ist anachronistisch!

 

     Leben in der Wirklichkeit, aber nicht auf der Jagd nach Fakten. Verloren in Papier. Blumberg rang nach Luft. Etwas rebellierte in ihm. Zwischen Zimmerwänden eingesargt. Bedrängt nur noch von den eigenen Ausdünstungen. Verschlug es ihm oft die Lust zu atmen. Ja, eigentlich konnte das Blumberg: atmen mit Lust und Bewußtsein! Voller naiver Freude darüber, wie wohl ihm eine bescheidene Zufuhr ganz normaler Luft tun konnte. Das war ihm bereits Genuß in vielen Situationen. Aber dann, wenn das Atmen unbewußt wurde, funktionierte ohne Blumbergs Zutun, dann verfluchte er die Kompliziertheit der Welt und die Schwerfälligkeit der Menschen . . .

 

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