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Hier
ein Ausschnitt:
VORSPANN
MIT ERWARTUNG
oder: Das Leben ist Kunst
"Mir
ist nirgends recht. Es ist, als wäre ich überall eben zu spät gekommen,
als
hätte die ganze Welt gar nicht mehr auf mich gerechnet."
(Joseph von Eichendorff, Taugenichts)
losreißen
will
ich mich
aus
Stimmungen
wo
es Indizien gibt
man
gab mir Zeitungen -
ich
wollte Fahrkarten
Blumberg saß in seinem Vorgarten. Vielleicht mit
übereinandergeschlagenen Beinen. Er las Zeitungen. Der Versuch
eines Vierzigjährigen war gescheitert. Er hatte in einem winzigen Boot
den Atlantik überqueren wollen. Ein etwa zwei Meter langes Boot. Er mußte
von einem Trawler an Bord genommen werden. Zu schwer sei das Boot beschädigt
gewesen. Der Mann wolle einen neuen Versuch unternehmen.
Blumberg konnte sich nahezu außer Atem lesen an solchen
Geschichten. Aber wieso wollte sich jemand auf ein Boot verlassen, wenn er
schwimmen konnte?
Ach, Feigheit birgt Lähmung. Wer ist ein existentieller Blindgänger.
Blumberg war doch nicht der Mensch ohne Schamröte. Aber er tat manchmal
bereits das, was er wollte. ("Bin ich denn irgendeines Überwesens
agent provocateur?") Blumberg hatte das Radio laufen. Schwarze Musik.
Animalischer Sonnenkult, was in ihm freigesetzt wurde! Es kann für
einen Träumenden nicht auf das Erwachen ankommen. Ein konsequenter Schläfer
weiß gut über sich Bescheid. Eine
somnambulante Intuition!
Blumberg,
der Mann mit der Sehnsucht nach Reaktionsfreiheit. ("Damit möchte
ich nichts unterstellt haben; ich bin eigentlich kein Revanchist.")
Ungern fühlte er sich beklemmt. Angst. Ehrgeiz. Opposition. Urkunden. Händeschütteln.
Normen. Beurteilungskriterien. Kartei. Hierarchie. Hausordnung.
Zimmerlautstärke. Amnestie!
Das ist die allgemeine Anspruchslogik! Blumberg verhing die
Fenster. Blumberg riß die Fenster auf. ("Und wieder ein
Komplex?") Blumberg war nicht impulsiv. Blumberg war unvorhersehbar.
Er betrachtete sich die Menschen. Nahm die Welt in sich auf. Dachte auch
über das Leben nach. (Wäre der liebe Gott ein Snob, dann ließe er über
die Evolution mit sich reden.)
Rede sich keiner auf seinen banalen Widerwillen
hinaus.("Soweit durfte man es doch nicht kommen lassen! Das gehörte
sich einfach nicht!")
Es gilt, eine Position zu gewinnen! Es gilt, sich von Konjunktiven
zu befreien! Alle Philosophen suchten bisher diese Position in ihrem
Kopf, in ihrem Staat, in ihrer Religion. Vielleicht hatten sie auch eine
Zeitlang recht.
Blumberg blätterte hin und wieder. In Prospekten, Katalogen,
Illustrierten, Magazinen, Broschüren. Nahm zur Kenntnis: Weisungen,
Aufträge, Verordnungen. In dieser Gesellschaftsordnung war der
Broterwerb keine eigenständige Sache. Da kam es noch auf Reaktionen an,
einen kontrollierten Blick, diskrete Wortwahl, sparsame Gestik, emotionsfreie
Mimikry. Keine Intimitäten eingehen mit Leuten, die einem nichts
einbringen können! Keine nachweislichen Bösartigkeiten. Nichts
Beunruhigendes.
"Weil man mich im Prinzip durchaus für harmlos hält?"
"Weil
ich es hier nur sein kann?"
Ach, die progressive Intuition. Der anthropologische Zufall. Die
unerklärbare Verlegenheit!
Blumberg hatte viel mitbekommen. Er war ein kultivierter Mensch. Er
interessierte sich vielfältig. Las. Verschwand in Gedanken aus seinem
Leben. Oder: das wohl nicht?
Aber: eine Situation verlassen? Auch einmal etwas versuchen. Blick
über seinen Rasen. Endlich einmal wuchern lassen. Die Straße vor dem
Grundstück hatte wahrlich nichts Gefährliches an sich. Der Verkehr war
zu sehr ortsgebunden. Auch Blumberg kam sich äußerst ortsgebunden vor.
(Was waren denn seine Wahrnehmungen überhaupt noch wert?)
Wer bleibt iterativ unzulänglich. Hat ein Mensch Eigenarten. Wird
er dadurch verbürgterweise zum Menschen. Was findet bei Begegnungen
statt. Es zieht sich eine Überschwenglichkeit von Hirn zu Hirn! Und übrig
bleibt eine Manie, sich etwas zuzurufen. Lebewohl, etwa. Oder, vergiß
nicht.
Auf zu neuen Ufern. Wer habe nicht schon den Traum ge-"träumt"(?)
vom weißen Schiff, das ihn lautlos und ohne Mühe zu fremden Meeren, grünen
Inseln, sonnigen Ländern und anderen, erträglicheren Menschen brächte?!
Kreuzfahrer würden sich solche Träume erfüllen. Sie seien Individualisten,
jeder habe seine Eigenarten. Doch eines sei ihnen gemeinsam: wer einmal
auf einem schönen Schiff eine Reise gemacht habe, komme immer wieder. Die
Luft woanders atmen, nun denn.
Aber er müsse doch einen Traum haben. Was denn? Nach Amerika
fahren oder eine nackte Frau begutachten. Wieso einen Traum. Träumen könne
er noch lange genug, wenn er gestorben sei.
Wenn aber einer schwimmen wollte? Wer würde es ihm zutrauen? Würde
man es ihm gestatten? Womöglich würde man ihm einen Freifahrtschein
aufdrängen! Womöglich müßte man sich die Berechtigung auf seine Sehnsüchte
mühsam verdienen. Umständlich.
Blumberg abonnierte zwei Tages- und eine Wochenzeitung. An Kiosken
kam er selten vorbei. Blumberg hatte auch seinen Bierkasten im Keller.
Ach, wie lebenshemmend waren doch Angewohnheiten!
Während Blumberg Fingerkuppen befeuchtete, blätterte, beging er
nichts Ungewöhnliches. Blumberg im Gebirge. Blumberg am Meer. Blumberg
bekleidet frierend. Blumberg nackt schwitzend. Überschwenglich.
Verhalten. Hält ein Familienphotoalbum der Suggestivität von
Reiseprospekten stand?
Immer in Farbe. Nie ohne Kommentar. Nie ohne Vergleichbarkeiten.
Blumberg hatte die Welt auch im Regal. Tausende Prospekte, oder wie viele
wohl? Nach Erdteilen geordnet und dann alphabetisch nach Ländern. Und
dann nach Bundesstaaten, Provinzen, Städten, Flüssen, Bergen, Sehenswürdigkeiten.
("Die Sehenswürde ist unantastbar!" - "Gibt es denn
wenigstens auch eine Sehensunwürdigkeit?"). Läßt sich denn die
Welt alphabetisieren?
Blumberg hatte die Welt im Griff. Er kannte Namen. Panoramen. An
seinen Zimmerwänden auch Karten. Routen markiert. Korrespondierend mit
Bildbänden. (Diaserien?) Maßstabsberechnungen. Klimatabellen. Auf dem
Schreibtisch ein Globus. (Aha, Blumberg gehörte also zu den Menschen, die
einen Schreibtisch besaßen! Das besagt doch immerhin etwas.) Blumberg
hatte auch vor, sich mit Tieren und Pflanzen zu beschäftigen. Mineralien!
("Da fällt mir ein Stein vom Schreibtisch!").
Kultur und Geschichte. Völker und Kunde. Einzelpersönlichkeiten.
Entdecker. (Menschen?) Errungenschaften und andere Mythen. Religionen.
Politische und gesellschaftliche Systeme. Wirtschaftliche Abläufe.
Marktmechanismen. Produktionsabläufe. Brauchtum. Literatur und Bildende
Kunst. Sagen und Märchen - vor allem. Fiktion. ("Es wird auch noch
einmal gewesen sein!") Und
Musik! ("Blumberg, get that feeling!")
Das
Schlimmste: die Überalterung seiner Erwartungen. ("Ein
Faksimileabdruck meiner Seele?") Als ob ich die Weltgeschichte nur
wahrzunehmen brauchte! Als ob ich tatsächlich historisch angewiesen wäre!
Muß ich altern, weil die anderen altern?
Hätte Blumberg die Tragweite von Anfang an erahnt! Plötzlich
erkennen, daß persönliches Wissen sich viel zu behäbig entwickle.
Verglichen mit dem Lauf der Welt. (Ein Schnelldurchlauf?) Blumberg hatte
sich verkalkuliert. Immer wieder traf er Menschen, die mehr wußten als
er. Oder es überzeugender simulierten. Aber das war ja eigentlich gar
nicht sein Problem.
Dies zu begreifen beschäftigte ihn mehr als alle politischen,
wirtschaftlichen und sozialen Ungerechtigkeiten. Blumberg hatte durchaus
seinen Stolz. Allerdings war Blumberg vieles keineswegs geheuer. Was
machte ihn nicht alles mit sich selbst unzufrieden!
Ich
irre mich nie über mich!
Ich
mische mich nicht unzulässigerweise in mich ein!
Ich
bin mir schon etwas wert!
Nicht
nur aus Gründen:
naheliegend,
äußerlich oder interessegebunden.
Weil:
ich ständig mit mir zu tun habe!
Nur
unter Ausnahmebedingungen
kenne
ich mich noch nicht!
Es
ist dies mehr als eine ersetzbare Laune.
Die
Zeit: die ich mit mir verbringe!
Kein
Augenblick ist anachronistisch!
Leben in der Wirklichkeit, aber nicht auf der Jagd nach Fakten.
Verloren in Papier. Blumberg rang nach Luft. Etwas rebellierte in ihm.
Zwischen Zimmerwänden eingesargt. Bedrängt nur noch von den eigenen
Ausdünstungen. Verschlug es ihm oft die Lust zu atmen. Ja, eigentlich
konnte das Blumberg: atmen mit Lust und Bewußtsein! Voller naiver Freude
darüber, wie wohl ihm eine bescheidene Zufuhr ganz normaler Luft tun
konnte. Das war ihm bereits Genuß in vielen Situationen. Aber dann, wenn
das Atmen unbewußt wurde, funktionierte ohne Blumbergs Zutun, dann
verfluchte er die Kompliziertheit der Welt und die Schwerfälligkeit der
Menschen . . .
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