STOCKSTADT. Da ist
einer, der wird in seiner normalen Lebensumgebung nicht genügend
ernst genommen. Die meisten Menschen hungern nach Anerkennung,
dieser eine – Blumberg heißt er – bemerkt jedoch, dass er auf
jegliche Anerkennung verzichten kann und begibt sich auf eine
Flucht-Reise, wodurch er sich allen Zusammenhängen entzieht und
eine befreiende Symbiose mit dem Meer einzugehen versucht als „der
Meerschwimmer“.
Am Sonntag las der Freistil- und LyRockPoet Karl-Heinz Schreiber
aus seinem ersten „offiziellen“ Roman auf der Buchmesse. In dem
Buch „Der Meerschwimmer oder Heimat für Blumberg“ verbindet der
Autor, der gerne zum Denken provoziert die drei klassischen
Romantraditionen: Chronologie, Assoziation und die integrierte
Dichtkunst, die den Inhalt direkt oder indirekt reflektiert.
Ansonsten ist laut Schreiber das Streben nach geistiger Autonomie
angesagt.
Sein Meerschwimmer Blumberg sieht nicht die Gefahren und Unmöglichkeiten
seines Vorhabens, eines unbegrenzten Dahintreibens auf dem Meer,
sondern die Möglichkeit, losgelöst von allem frei zu sein, nur zu
spüren wie sich das Treiben auf dem Wasser körperlich und das
Dahintreiben der eigenen Gedankenwelt innerlich anfühlt. Kein
Horizont in Sicht, nur Himmel oben und Wasser rundum. Blumberg will
nicht wahrgenommen werden – von störenden Schiffen, Surfern oder
anderen Schwimmern. Blumberg will nicht gerettet werden aus seiner
selbst gewählten Situation.
Blumberg hat keine Angst zu ertrinken, zu verdursten oder nicht
zu wissen, wohin er mit seiner Notdurft soll. Blumberg will sich nur
in das Harmoniechaos der Wellen schmiegen, will nur sich selbst fühlen
– weit entfernt von gesellschaftlichen Schwachsinnigkeiten – und
dabei die Option auf eine Zukunft erlangen, die noch keiner kennt.
Wer leichte, gut verdauliche Unterhaltungslektüre unter dem
Begriff Roman erwartet, dürfte bei Schreibers „Meerschwimmer“
enttäuscht von dannen ziehen. Für leichte Kost sieht sich der
Autor nicht zuständig, seine Leser müssen bereit sein zum
Einlassen, Loslassen, Gedanken fallen lassen, um sich auf ihn
richtig einlassen zu können. Schreiber hebt in Blumbergs
Fluchtreise natürliche Gesetzmäßigkeiten und Grenzen auf, wirft
Assoziationen und Gedankengänge ein, ohne sie einer Person
zuzuordnen, fordert von seinen Lesern, die Perspektive eines
Menschen einzunehmen, der entschieden hat: Ich will Neutrum sein,
mich so fühlen, mich darin verlieren. Was geht es den Rest der Welt
an, wenn ich mich im Meer treiben lasse, mitten hinein ins Meer
meiner Gedanken. Schreiber schreibt nicht nur mit Vehemenz, er liest
auch so, das Untertauchen im Meer der eigenen Gedanken lässt er
vielleicht beim „Schreiber lesen“ aber nicht beim „Schreiber hören“
zu.