KULT02

KULTregister

 

 

 

Malocher, Märtyrer & Mythos

 

Der "Würger von Bottrop" ist in die alternativen Jagdgründe eingegangen.

Karl-Heinz Schreiber

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     In Mainz auf der 13. MMPM habe ich ihn zum letzten Mal getroffen: Josef Wintjes, genannt Biby. Nun ist er Anfang Oktober 95 mit 50 einem plötzlichen Herzschlag erlegen. Die Nachricht von seinem Tod ist nicht so schnell und so einfach nachvollziehbar und zu akzeptieren. Alle Autoren, die der große Literaturbetrieb (noch) nicht hereinlassen wollte, müssen sich nun überlegen, wie ihre Arbeit ohne den "Würger von Bottrop" (wie er sich selbst einmal zu vorgerückter Stunde bezeichnete) weitergehen kann.

     Etwas deutlicher drückt der ihm verliehene Titel "Berteismann der Subkultur" aus, welche freiwillige Dienstleistung Wintjes vollbracht hat. Mit der 1. Gegenbuchmesse in Frankfurt/Main 1969 begann sein öffentliches Wirken. Als unheilbarer Fan der Beat-Autoren (Bukowski, Burroughs, Kerouac) gründete Wintjes sein "Nonkonformistisches Literarisches Informationszentrum" und gab mit ULCUS MOLLE ein eigenes Organ extra für den alternativen Literatur­bereich heraus. Begonnen hatte er bescheiden mit einer A4-Liste alternativer Zeitschriften, inzwischen blicken Autoren, die es zu einem Namen gebracht haben, stolz und wehmütig auf ihre ersten Veröffentlichungen in UM zurück: u.a. Elisabeth Alexander, Jörg Fauser (der Wintjes in seinem Roman "Rohstoff" in der Figur Aldo Moll ein literarisches Denkmal setzte), Jürgen Theobaldy und Peter-Paul Zahl.

     UM brachte Rezensionen und Diskussionsbeiträge zur linken Szene im allgemeinen und zur Problematik einer linken Literatur im speziellen. Die Zahl der Abonnenten und Mitarbeiter wuchs. Der Bedarf bei tausenden von jungen Autoren war da. Zusätzlich baute Wintjes einen Vertrieb für (alternative) Bücher und Zeitschriften auf. Das LIZ (Literarisches Informations­zentrum) wurde schnell das Sammelbecken für alle Ab­weichler und Vernachlässigte (Linke, Freaks, Spiri­tuelle) mit literarischen, Ambitionen.

     Im Jahr 1974 kündigt der Programmierer und Abteilungsleiter Wintjes bei Krupp seinen sicheren Arbeitsplatz und begibt sich - nicht nur in finanzieller Hinsicht - auf seinen risikoreichen Leidensweg. Ein legendär gewordenes Beispiel für Idealismus! In der 2. Halftan" der 70er Jahre wird sogenannte alternative Literatur auch von größeren Verlagen entdeckt. Das UM bringt es zu einer Auflage von 3000 und zu Spitzenzeiten auf ca. 2500 Abonnenten. Allerdings verliert das schwer lesbare Layout bei UM seinen anfänglichen Charme für viele, die Abonnentenzahl halbiert sich. Nichtsdestotrotz bleibt das LIZ Anlaufstation für junge, "verkannte" Autoren.

     Mit dem Verschwinden der Gegenbuchmesse Mitte der 80er Jahre blieb die MMPM (Mainzer Mini-Pressen-Messe) im zweijährigen Takt einziges öffentliches Forum für die "Szene" - Wintjes war hier der heimliche Papst, für jeden Kgntakt und für jeden Umtrunk bereit. Und wie wichtig und unverzichtbar war hier eben eine landes­weite Kommunikationszentrale wie das LIZ! Ende 87 wird UM von IMP abgelöst: das IMPRESSUM bringt Adressen von Zeitschriften, Verlagen, Initiativen und Autoren; Infos zu Wettbewerben und geplanten Antho­logien, Nachrichten für Autoren zu Beteiligungs- bzw. Veröffentlichungsmöglichkeiten. Das LIZ wird zu einer Art Datenbank neuer (freiwillig oder unfreiwillig alternativer) Autoren.

     Mit ca. 3000 DM Fixkosten monatlich hatte sich Wintjes allerdings auf Dauer übernommen. Auch der zusätzliche Versandbuchhandel (Slogan: "Wir liefern jedes Buch an jeden Ort") war mehr ideeller als materieller Gewinn-bringer. In einem Rundschreiben 1990 bereitet Wintjes seinen Freunden ein Schockerlebnis: er spricht von seiner "tiefsten Krise", als ihn Ehefrau Rosi mit Sohn Florian (im November 89) verläßt und im April 90 die Scheidung ansteht. Biby sieht sich "hart an der Über­lebensgrenze" und "psychisch angeschlagen". Eine "gezielte Therapie" hilft ihm, "die verbleibenden Energien zu aktivieren." Er schreibt auch dazu: "Ich darf mich einfach nicht unterkriegen lassen (...)Jedes Ende ist auch ein neuer Anfang." (Rundschreiben "Private Stellungnahme 22.2.90 ... nur für Sympathisanten"). Können wir dieses Motto jetzt aufnehmen?!

     Immer wieder erreichen in der Folgezeit die Abonnenten Hilferufe um finanzielle und solidarische Unterstützung: Wie zum Beispiel in einem Rundschreiben 1991: "So sehr ich mich auch bemühe, gelingt es mir nicht, ältere Zahlungsrückstände aufzuholen. Ich bin dabei immer weiter in die roten Zahlen gerutscht, obwohl unsere Abonnentenzahl erfreulicherweise stark gestiegen ist." (Solidaritäts-Aufruf November 1991). In der Herbstnummer 95 des IMP lag dann der absolute Schockzettel bei: die "letzten Reserven aufgebraucht" - "Radikal-Hilfe" nötig! Und weiter hieß es dann: "Wenn es noch Solidarität in der Szene gibt, dann erwarten wir sie JETZT. Als Sicherheit» kann ich anbieten: 4500 antiquarische Bücher zum Netto­wert von 25.000 DM! Sonst habe ich außer einem schlechten Gewissen nichts zu bieten. Ich war immer ein totaler Idealist in Sachen LITERATUR, aber ein absolut schlechter Kaufmann & Buchhändler! (Zwei Ehen sind für die LITERATUR dabei draufgegangen und meine Kinder haben mich als Alimenten-Zahler längst abgeschrieben!) Wer hilft? Jeder Angesprochene kann sich gerne durch einen angemeldeten Besuch in Bottrop von meiner persönlichen Situation überzeugen. Für einen Gerichtsvollzieher gibt es hier NIX zu pfänden! Aber ich kämpfe weiter - und eine ausführliche Begründung unserer desolaten Finanz-Situation soll in der nächsten IMPRESSUM-Ausgabe 9/10 1995 nachgeliefert werden, wenn dieses Heft noch erscheinen kann - aber das liegt an EUCH, denn ich kann auf IMPRESSUM verzichten, ich mach es für EUCH!" Das hatte gesessen! Aber zur Ausgabe 9/10 kam es nicht mehr! Stattdessen die Schockmeldung von Bibys Tod!

     Josef Wintjes war unsere Integrationsfigur, er hat uns die alternative Szene aufgemacht und strukturiert. Mit UM und IMP hatten wir ein Kommunikationsorgan, ohne das viele Dinge nicht hätten laufen können, ohne das wir künftig auf verlorenem Posten stehen werden - es sei denn, aridere Zeitschriftenprojekte übernehmen zumindest Teile dieser Arbeit! Momentan hinterläßt Biby nichts als eine riesige Lücke. Wo sonst werden Zeitschriften und Bücher aus der nicht etablierten Szene in diesem Umfang gesammelt, bereitgehalten, aufgelistet, besprochen und versandt?! Wo sonst findet der Diskurs über Probleme beim Schreiben, Verlegen und der Öffentlichkeitsarbeit in dieser Vielfalt und Offenheit statt?! Woher sonst bekommt man in dieser Häufung Informationen zu Wett­bewerben und Veröffentlichungsmöglichkeiten?! Wo sonst entwickelt sich zwischen den Autoren (und sonstigen Abonnenten) eine derartige (echte?) Solidarität?! Ich sehe in der gesamten Literaturlandschaft nichts Vergleichbares zum IMPRESSUM - und niemanden, der auch nur annähernd bereit und fähig wäre, seine Kraft und seine Zeit bis zur Selbstaufopferung den eifrigen Alternativautoren zur Verfügung zu stellen! (Ich hoffe diese Provokation hat gepaßt - und morgen melden sich neue literarische Streetworker zu Wort)! Jedenfalls wäre es wohl unfair, jetzt einfach den Mitherausgeber Bruno Runzheimer unter moralischen Druck zu setzen!

     Biby hat hier für  uns  alle ein Lebenswerk geschaffen - und er hat sich dabei aufgerieben! Ein Malocher, ein Märtyrer - den wir zum Mythos gemacht haben - zwangsläufig! In gewisser Weise sind wir alle, die wir der Droge Literatur erlegen sind, von ihm abhängig geworden! Jetzt sind wir abgenabelt, gnadenlos und müssen uns ohne Biby behaupten. Wir können ihm g^r nicht genügend dankbar sein! Die Lücke, die er hinter­läßt - als Person und als Arbeitstier - kann keiner jemals mehr schließen! Wir brauchen uns da nichts vorzu­machen! Wer wäre noch bereit, sich bis zum Exzess zu verausgaben, Ehe und Finanzen zu ruinieren?! Die Frage, wie nötig und vernünftig dies überhaupt sei, verbietet sich wohl aus freundschaftlicher Pietät. Biby war nämlich nicht nur unser Mythos - er war unser Freund!

     In Abwandlung einer Formulierung, wie sie für Politiker gebraucht wird, drängt es mich zu sagen: Biby, Du hast Dich um die Literatur und um uns Autoren verdient gemacht! Biby, wir werden dich an allen Ecken

und Enden    vermi s  sen   !!!

 

Josef (Biby) Wintjes

* 25.3.1947

+ 24.9.1995