KULT18

KULTregister

 

Graphyk dyser Ausgabe:

Michael Blümel

 

 

EDYTORYAL    -   YMPRESSUM                                              01

FORUM                                                                                       02

Ronald Klein, Eine ästhetische Polemik

Hans Jürgen Heimrich, Zum hundertsten Geburtstag

              eines großen Lyrikers: Peter Huchel

KS, Politik durch Poesie?, Ernsthaft alternativ, "Nicht ganz

von dieser Welt", "Mein Leben war eine einzige Party"

Kommunardisches Herumgekaspere, Buch über Bücher

KHS, Pazifismus & Islam - KS, Fremdes Fremdsein

wieningerblümelspecyal                                                          14

Wieninger - Pabst - Blümel: Lyryk &Graphyk

FEUYLLE & TONY                                                                     24

Raimund Samson, Festival der Poesie Idafehn 2003

KS, Requiem für S.U.B.H., Elementares Quartett,

Beschauliche Gutmenschen, Alternative Weihnachten

AUDIO: KHS, Ein kluger Irrer

JanaJana, Zu 'casus belli'

Ratgeber                                                                                    27

Ewart Reder, Ein X ist ein X - oder ein U

KS, Ratgeber für Zuhälter

CENTER                                                                                     28

Karl-Heinz Schreiber & Tom de Toys

ESSAY & LYRYK                                                    30

NiGUDIX, Zur Physiognomie des Spießers

Ewart Reder, Hadayatullah Hübsch, Joachim Durrang

wieningerblümelspecyal                                                          42

Wieninger - Blümel: Prossa & Graphyk

Ratgeber                                                                                    45

KHS, Deutschland sucht den Dr. Rock

REZENSYONEN                                                                         46

Prossa: Kleiner Kosmos, Kein Thema, Tina törnt - auch

literarisch, Exhibitionistischer Autist, Der Vollzeit-Erschrecker Thriller mit Niveau, Trauer & Trost, Comedy-Nazi

Anstrengend, Simulierte Parabeln, Schönes Scheitern

Wohin Frust führen kann

Lyryk: Harmonisch verwirren, Pfiffige Vierzeiler

Konzentration vonnöten, Seelenkotze, Ergreifende Verse, Betroffenheitsplappern, Poesie-Überschwang, Trauerarbeit

im Taxi, Erfahrungen einer Sisypha, "Ganz kirschich"

Beflissen, Schock & Idylle

Heftly: City Blues, Skurril köstlich aberwitzig, "Der letzte

Schrei der Literatur", Sehnsüchte, Übersetzervergleiche

Schöner lesen mit SuKuLTuR

ARTYSTEN                                                                                 56

KHS, Das Rathenow-Ratz-Phänomen                                        57

Dietmar Füssel, Briefwechsel                                          Rückseite  

 

POLITIK  DURCH  POESIE ?

jour fixe initiative berlin (Hg.), Kunstwerk und Kritik

(UNRAST-Verlag, Münster 2003)

263 S., € 16.-

     Die Ausgangsthese dieses Kollektivs aus 9 Autor(inn)en lautet, daß Kunst - gleichwohl aus der gesellschaftlichen Totalität entstanden - in der ästhetischen Erfahrung eine Kritik an der Gesellschaft ermöglicht. Der Band dokumentiert Vorträge einer Reihe basierend auf Ansätzen der Kritischen Theorie & des Poststrukturalismus, deren Grundmaxime & -bedingt-heiten in einer Einleitung kurz referiert werden. Die Aufsätze beschäftigen sich mit Literatur, bildender Kunst & Musik.

     In ihrer Arbeit über Proust sieht Elfriede Müller eine Parallelität zwischen diesem & Adorno in ihrer Ablehnung von Kunstwerken, die explizit nur mit der Absicht geschrieben wurden, eine politische Botschaft zu transportieren. Für Proust war der Künstler nur einer Sache verpflichtet - nämlich der Wahrheit. Damit wendet er sich gegen eine politische Funktionalisierung der Kunst & wird von Müller als Autor "gegen Nationalismus, Militarismus, Antisemitismus und Sexismus" gewürdigt.

     Claudia Heinrich kritisiert das politisch diffuse Erscheinungsbild der 'Gruppe 47' & hebt die Position von Peter Weiss (mit dem Beispiel seines unveröffentlichten Stücks 'Inferno') hervor, welcher als einer der wenigen deutschen Nachkriegsautoren konsequent die Perspektive der Opfer verfochten hat. Ob man in solche Zusammenhänge die nervtötenden Serien 'StarTrek' bzw. 'Enterprise' unbedingt durch wissenschaftliche Analyse adeln muß, sei zumindest bezweifelt. Freilich zeigen sich hier ebenso faschistoide wie humanistische Elemente - aber letztendlich bleibt als einzige politische Dimension die Verdummung durch SchwarzWeiß-Trivialität.

     Hochinteressant der Artikel von Michael T. Koltan: "Rock 'n' Roll war eine Waffe im Klassenkampf, kein Mittel unpolitischer ästhetischer Erbauung." Spannend wird der Vorgang, Adornos Musikästhetik auf den Rock 'n' Roll anzuwenden, alldieweil Adorno der Ansicht war, daß die Kulturindustrie nur den musikalischen Analphabetismus der Massen bediene & der Effekt die Substanz abgelöst habe. Koltan lobt die "invertierte Rock 'n' Roll-Ästhetik der Reduktion" - bringt aber keine eigentliche politische Bedeutungsanalyse konsequent durch.

     Die gewagteste Konfrontation unternimmt wohl Helmut Dahmer in seinem Aufsatz 'Symbolismus, Surrealismus, Stalinismus'. Die Ausgangsthese lautet: "Künstler imaginieren das Unheil von morgen, das im Heute sich vorbereitet und seine mögliche Alternative: ein noch nie dagewesenes Glück." Unheil & Glück als ästhetische und/oder politische Paradigmen?! Dabei pflegten die Symbolisten das l'art-pour-l'art-Prinzip, die Surrealisten brauchten zur Erfindung des Unbekannten neue Formen. Da sich dieser Aufsatz spannend wie ein Krimi liest, sei hier auch nicht verraten, in welcher Weise der Stalinismus als ästhetische Kategorie begreifbar sein könnte.

     Insgesamt ein hochinteressantes & aspektereiches Buch, welches mehr Analyse & weniger Lösungen anbietet. Vielleicht kommt durch manche allzu beflissen-wissenschaft-liche Diktion der revolutionäre Schwung abhanden - aber man beginnt zu begreifen, daß sich Politik & Poesie nicht vertragen - wer beides will, kriegt keines - wer sich für eines entscheidet, verzichtet aufs andere - wer sich überhaupt nicht entscheidet, wird vergessen, ehe er hätte ernst genommen werden können. Sicherlich fehlt am Schluß ein Aufsatz mit Appellcharakter, der Mut zur Politik durch Poesie oder gar zur Abschaffung der Politik durch die Poesie suggerieren könnte.       Karlyce Schrybyr

 

 

COMEDY-NAZI

Heinz Ratz, Hitlers letzte Rede

(Verlag Edition AV, Ffm 2003) 63 S.

     Daß ihm zu Hitler nichts einfalle, waren berühmte Worte von Karl Kraus ('Dritte Walpurgisnacht', 1933) - was bei ihm eher eine moralisch-ästhetische Verweigerung bedeutet haben mochte. Andere deutsche Exilautoren setzten sich durchaus dem Risiko aus, Hitler in Dramen und Prosatexten mit sensibel-adäquaten Stilmitteln zu entlarven. Nach 1945 näherte man sich der Thematik Hitler mit zunehmender Entwicklung der Bundesrepublik immer unbefangener und bald auch schon im Paradigma der Veralberung. (Konkrete Beispiele seien dem hier vorzustellenden Autor gegenüber fairerweise verschwiegen).

     Eine ebenso wahnwitzige wie makabre Vorstellung: Hitler hat überlebt & spricht nun auf einer überfüllten Veranstaltung zu den Wohlstandsdeutschen, um mit einigen Vorurteilen über ihn aufzuräumen. Er artikuliert sein Mißtrauen gegenüber den Historikern & "prophezeit" den angeblich aufgeklärteren Neudeutschen, daß sie genauso leicht zu verführen wären wie die gerngläubigen Damaligen. Und überhaupt - was sei schlecht daran, daß er einen neuen Menschen schaffen wollte?! Schließlich experimentierten die modernen Gentechniker ebenso mit dem menschlichen Erbgut, auch wenn das von offiziellen Stellen noch bestritten werde.

     In radikal sich steigernder Publikumsbeschimpfung verrät dieser Comedy-Nazi: "alles Deutsche ekelt mich an" & das Weltjudentum haßt er - freilich wäre es eine bissigere Ironie gewesen, hätte Ratz diesen Spieß weiter gedreht! Sein Hitlerpopanz sagt den "Absturz der Menschheit" voraus, demütigt seine Zuhörer als "Feiglinge" & verrät schließlich das wahre Motiv seiner Redetournee durch Deutschland: "weil ich einen Gegner suche (...) Und das ist mein Triumph: daß es diesen Gegner nicht gibt." Schließlich beschimpft er sein Publikum gar als Ansammlung von "Juden" & "Sklaven" - & zeichnet ein Bild der Apokalypse: ". . . ihr seid meine Opfer! Und werdet nicht aufhören, meine Opfer zu sein, tausendfach, millionenfach!"

     Ein höhnischer Insultationsmonolog, eine nachhandkesche Publikumsbeschimpfung im dialektischen Rösselsprung - eine totalitäre Comedy?! Womöglich taucht doch beim ein oder andern verzagten Rezipienten die politically correct Frage auf, ob man mit Hitler Comedy betreiben dürfe?! Ratz hat bewiesen: man muß! Und er macht es noch sehr gnädig! Wobei ein Grundproblem dieses Hitlergenres in der bundesrepublikanischen Literatur in dem Zwiespalt liegt, daß die prominenteren Autoren Hitler eher abstrahieren bis zur Parabel, während die weniger bekannten Autoren Hitler oft zu naiv als den alleinverantwortlichen Nazimythos hochstilisieren, um ihn quasi komisch abzustrafen. In dem Buch von Marcel Atze 'Unser Hitler. Der Hitler-Mythos im Spiegel der deutschsprachigen Literatur nach 1945 (Göttingen 2003) werden übrigens zahlreiche entsprechende Autoren vorgestellt.

     Bleibt einerseits die Frage, wie bewußtseinsförderlich heutzutage die Konzentration auf Hitler sein mag - ob nicht eher die Ursachen gesellschaftlicher Fehlentwicklungen sowie eines stetig abnehmenden Erkenntnisinteresses hartnäckig analysiert werden müßten - ergibt sich freilich andererseits immer wieder das Problem, wie unterhaltsam bzw. wie belehrend Literatur sein dürfe bzw. zu sein habe?! Hierüber sinnierten bereits keine geringeren als Horaz & Brecht - jedenfalls verblaßt daneben die kleinkrämerische Frage, ob mit Schrecken Satire betrieben werden dürfe.

     Freilich beginnt hier die peinliche Recherche, ob Ratzens Methode noch genügend satirisch sei oder doch schon zu sehr abgedriftet sein könnte ins schnöde Comedymilieu?! Und die weitere Frage bleibt, ob dies allein vom Text abhänge oder von einer rahmensprengenden Publikumsreaktion?! Denn, merke: Comedy wird nicht allein dadurch politisch, daß der Performer Hilter personifiziert.

     Das Büchlein enthält übrigens noch ein 'Gespräch mit Rainer Zufall' & Anmerkungen von Alessandro Topa 'Von der zuweilen notwendigen Obszönität historischen Begreifens' - hier werden Ratzens Methode & das Unwesen Hitlers reflektiert. Das Projekt scheint eine Auseinandersetzung wert!   KS