KULT19

KULTregister

Graphyk dyser Ausgabe:

GudiX

 

EDYTORYAL    -   YMPRESSUM                                              01

FORUM                                                                                       02

Ronald Klein, Eine ästhetische Polemik (2)

Werner Zorn, Aphorismen

Helmut Hasenkox, Plädoyer für Reliwette

Matthias Kraus, Glaub nicht Blödworten

Peter Oehler, Wer unter einem blühenden Apfelbaum

verstummt, dem gehört der Tod

Kai Engelke, Schläge hinnehmen können, stehn . . .

Rüdiger Heins, Welche Chancen haben wir nach all diesen Kriegen?

Max Holon, Lieben wir das, was uns verändert?

SPECYAL TEXT

Ulrich Bergmann, Zwyschen den zeyln                                       11

L Y T E R A T Ü R                                                                      13

Albrecht Verron, Iris Schröder, Hermann Wischnat

Matthias Burki, Clemens Schittko, Simak Büchel

Tatjana Smolik, Jürgen Marshal, Kerstin Rose Schlageter

Sugar Ray, Dieter P. Meier-Lenz, Thom Delißen

Stefan Schultz, Tonia Damm, Dieter Walter

Jörg Wienhöwer, Kristine Greßhöner, Martina Sens

Ulrike Kotzina, Armin Steigerberger, Stefan T. Pinternagel

Jürgen Landt, Uwe Pfeiffer, Constantin Göttert

Maik Lippert, Axel Aschenberg

CENTER                                                                                     28

HEL, Polydystychon & GudiX

L Y T E R A T Ü R                                                                      30

Till Röcke, Rüdiger Saß, Oliver Fabel, Marco Abrarov

Carmen Caputo, Abo Alsleben, Jan Oberländer

Markus Prem, Michael Wenzel, Augusta Laar, Stefan Rois

Siggi Liersch, Christian Gruber, Daniel Mylow

Josef Al Katout, Frank Bröker, Safiye Can

Hartmut T. Reliwette, Elke Schumacher, Norbert Zankl

REZENSYONEN                                                                         46

Günter Fraunhofer, Kritik, Rezension und Gerechtigkeit

Deutschland: Der Osten höret niemals auf, Trugbild über die Ostdeutschen?, Kuschelrock fürn Klassenkampf?

Kultur: Rhetorik oder Ästhetik, Die Apokalypse als Nerven-Kick, Long live Jethro Tull, Un-appetit-vergnüg-lich

Prossa: Der Tod hat Geburtstag, Mythen veräppelt, Falsches richtiges Leben, Nette Absurditäten, Doppeldeutig, "Ich" Venedig, Furios

Lyryk: Hinterfotzig provokant, Nix für labile Leser, Sisyphos übermotiviert, Reflexionsreflexe

Laudatio: Peter O. Chotjewitz zum 75sten

LOS ARTYSTOS                                                                        56

 

Annorak

Stefan T. Pinternagel

 

Sie saß drei Tisch

Weiter und alles

Was sie mir gab

Waren ihre Schenkel;

- ihre verhältnismäßig

dicken Schenkel

Zu allem Überfluß

War sie auch noch

Blond und langhaarig

Sie sah nur einmal

Für den Bruchteil

Einer Sekunde

In meine Richtung

- und das war

als sie dem Kellner

winkte

Ich hätte sie

Natürlich vom Fleck

Weg geheiratet

-          ungesehen

ungefickt  -

Aber das würde niemals

In Erfüllung gehen

& ich danke Gott dafür

 

 

KUSCHELROCK  FÜRN  KLASSENKAMPF ?

Kai Sichtermann / Jens Johler / Christian Stahl, Keine Macht für niemand

(Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag,

Erweiterte Neuauflage Berlin 2003)

448 S., € 12,90

     "Mythos? Legende? Kult? Was die Scherben mit ihrem Saänger Rio Reiser ganz sicher waren, ist: Eine Rock-Band, die in ihrer Zeit - von 1970 - 1985 - Geschichte an vorderster Front erlebt und gemacht hat. Kai Sichtermann, Bassist der TSS, und seine Co-Autoren haben versucht, diese Geschichte nachzuzeichnen" (Klappentext).  Bereits im Vorwort zur Ausgabe 2000 schrieb Sichtermann, was dieses Buch über die Band aussagen wollte: "Sie hat als rebellische Gruppe begonnen, hat die Hausbesetzungen populär gemacht, ist später vor der dogmatischen - und auch der terroristischen - Linken aufs Land geflohen, hat eine Landkommune gegründet, hat als CAPTAIN-HAMMER-Band Wahlkampf für die SPD gemacht, war Teil der Schwulenbewegung, hat sich mit Magie und Esoterik beschäftigt, hat mit der 'Grünen Raupe' den Wahlkampf der Grünen unterstützt und sich schließlich, ächzend unter einer drückenden Schuldenlast, aufgelöst" - soweit einige trockene Eckdaten. Und noch eine überraschende Ergänzung: "Wir waren nicht nur die Anarcho-Rockband, als die wir ursprünglich angetreten sind. Unsere Entwicklung ist weit darüberhinaus gegangen. Das Kapitel über unsere vielleicht kreativste Phase - Comeback mit Tarot - wird das verdeutlichen" (ebd.).

     TSS wurden eigentlich immer mit Songmaterial wie 'Macht kaputt, was euch kaputt mach' identifiziert - obwohl es im 1. Kapitel heißt: "Von den knapp 80 veröffentlichten Scherben-Songs kann man die Stücke mit radikalem Text an einer Hand abzählen." Moment mal - versucht dieses buch etwa uns die Scherben als Kuschelrockband zu verkaufen? Nein, nein - TSS waren ein Anti-Elixier aus RAF, Dylan & Stones. Und Rio Reiser - der sich nach 'Anton Reiser', der Romanfigur von Karl Philipp Moritz nannte - & gerne die Bibel & Karl May las - war Gerechtigkeitsfanatiker & für Gewaltfreiheit. Rios Bruder charakterisiert die TSS-Songs als Ausdruck von "Hoffnung, Träumen, Krisen, Aufbegehren und Liebe." Freilich - es gibt sogar Anarcho-Schnulzen!

     Spätestens mit dem Beginn der 70er Jahre begriff man auch in Deutschland Musik als eine Waffe - & der Drogenkonsum beförderte auch hierzulande die (musikantische) Kreativität. Das damalige wichtigste "linke" Modewort war "Bewußtseinserweiterung" - aus Marx & LSD konglomerierte man ein romantisches Alles-Scheiße-Feeling. In einer Art Manifest verkündeten TSS 1970: "Unsere Lieder sind einfach, damit viele sie mitsingen können. Wir brauchen keine Ästhetik; unsere Ästhetik ist die politische Effektivität. Unser Publikum ist der Maßstab und nicht irgendwelche ausgeflippten Dichter." Und dann hieß es noch: "Wir unterstützen jede Aktion, die dem Klassenkampf dient" - damit war man diffus-eindeutig: denn, wie sollte gewaltfreier Klassenkampf funktionieren?! Etliche der frühen radikaler klingenden Songs entstanden im Zusammenhang mit politischen Aktionen etwa für Hausbesetzer oder Jugendhäuser. Allerdings geriet Rio Reiser in einen Konflikt zwischen Bibel & Mao-Bibel, wenn es um die Gewaltfrage in der Revolution ging. Im übrigen kam es immer wieder zur konfrontation zwischen den Scherben & der Polizei.

     TSS wurden als "Hofkapelle der Linken" verstanden, was auch gewisse political-correctness-Zwänge bedeutete - bis Rio Reiser forderte, einfach mal zur Musik der Band zu tanzen. Derlei Befremdlichkeiten oder wie Paul Breitner, Daniel Cohn-Bendit oder Nina Hagen oder insbesondere Claudia Roth mit den Scherben zu tun hatten - das ist es wert, im Original gelesen zu werden. Denn wie sagte Claudia Roth: "Nach dem Theater kamen die Scherben und nach den Scherben die GRÜNEN (...) auf einer bestimmten Ebene sind die Scherben bis heute das Größte, was mir je passiert ist." Und was glaubte die damalige TSS-Managerin auch noch: "Ich glaube ja ernsthaft, daß wir besser waren als die STONES, aber es war halt völlig unrealistisch, das in Millionen aufzurechnen."       KS